Der junge Erwachsene sitzen an einem Tisch und besprechen etwas. Im Hintergrund sind Bildschirme zu sehen.

Lehrgang «Barrierefreie Information»: Erfahrungen aus der Praxis

Blog

Was macht barrierefreie Information in der Praxis aus? Eine Texterin hat unseren capito-Lehrgang besucht. Sie berichtet, was sie in ihren Berufsalltag mitnimmt – von Leichter und Einfacher Sprache über barrierefreies Design hin zum entscheidenden Perspektivenwechsel.

Informationen verständlich und attraktiv zu verpacken, ist als Texterin und Redaktorin mein tägliches Geschäft. Und es ist mir ein Anliegen. Denn: Warum etwas kompliziert ausdrücken, wenn es auch einfach geht? So begrüsste ich es sehr, als die Forderungen nach Barrierefreiheit auch in meinem Berufsfeld lauter wurden.
Bei der Beschäftigung mit barrierefreier Kommunikation zeigte sich: Es gibt noch viel zu lernen. Nachdem ich auf Einladung von capito Careum am Einführungs-Webinar «Leicht verständliche Sprache» teilgenommen und darüber berichtet hatte, wollte ich tiefer eintauchen. Ich meldete mich zum Lehrgang «Barrierefreie Information» an, den ich – Transparenz-Hinweis – diesmal regulär bezahlte.

Barrierefreiheit beginnt beim Perspektivenwechsel

Im März trafen wir uns zur ersten von 13 halbtägigen Online-Sessions: eine sympathische Gruppe aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auch die Dozentinnen und Dozenten aus dem capito-Netzwerk schalteten sich von verschiedenen Standorten zu. Neben der Theorie ihrer Spezialgebiete teilten sie im Lauf des Lehrgangs langjährige Erfahrung und viel praktisches Know-how mit uns.
Gestartet sind wir mit Zahlen zur Lesekompetenz und der aktuellen Gesetzeslage in den drei Ländern. Dann ging es um die Zielgruppen. Hier stellten sich schon erste Aha-Erlebnisse ein. Wir erfuhren, wie vielfältig die kognitiven und körperlichen Einschränkungen sind, die es Menschen erschweren können, Informationen wahrzunehmen und zu erfassen.
Realitäten von anderen wurden uns eingängig veranschaulicht. Manches wirkte auch gut bekannt – etwa, wenn die eigene Sehkraft nachlässt oder gelegentliche Konzentrationsprobleme beim Arbeiten stören.

Auflistung Zielgruppen - Folie aus Präsentation

Immer im Fokus: die Zielgruppen und ihre jeweiligen Bedürfnisse
© capito Zürich

Leicht verständliche Sprache hat klare Regeln

Der Schwerpunkt des Lehrgangs lag auf dem Übersetzen von Texten in Leichte und Einfache Sprache – also in die Sprachstufen A1, A2 und B1. Für alle drei gibt es Regeln.
Wir starteten mit A2. Übersetzungen in diese Sprachstufe sind am meisten gefragt. Während es bei A1-Texten gilt, die Kerninformation ganz rudimentär zusammenzufassen, sollen A2-Texte gleichzeitig Wissen aufbauen. Deshalb erklären A2-Texte viel und fallen immer länger aus als die Ursprungstexte.
B1-Texte entsprechen grob der Umgangssprache. Hier geht es vor allem darum, Komplexes kürzer und klarer auszudrücken – also um das, was mir wohlbekannt ist.
Die Übersetzung in die Sprachstufe A2 hingegen war und ist für mich am herausforderndsten. Mit dem Umsetzen und Vertiefen in den Sessions und den Hausaufgaben bin ich langsam reingekommen, aber es wird noch einige Übung brauchen.

Accessibility first: Alle Schönheit verpufft, wenn die Botschaft nicht ankommt

Die Hausaufgaben schickten die Dozentinnen und Dozenten jeweils mit persönlichem und aufbauendem Feedback zurück. Das war vor allem zu Beginn angesichts vieler Korrekturen auch nötig.
Denn neben dem Verlängern statt Kürzen ist es gleichfalls eine Umstellung, dass bei «verständlich und attraktiv» wirklich nur das Erste gefragt ist: A2-Texte müssen verständlich sein.
Wer sonst an Formulierungen feilt, nach dem richtigen Rhythmus sucht und sich über jeden runden Satz freut, muss einsehen: Alle Schönheit verpufft, wenn die Botschaft nicht ankommt. Stilmittel wie Metaphern und Synonyme etwa werden dann zu Stolpersteinen im Text.

Bild mit Lückentext

Realitäten bestimmter Zielgruppen eingängig veranschaulicht: Wie liest sich etwa ein Text, in dem unbekannte Wörter Lücken bilden?
© capito Graz

Vorurteile auf dem Prüfstand

Man liest deshalb oft, dass Leicht verständliche Sprache die deutsche Sprache zerstöre. Das sehe ich mittlerweile anders. Sie ist eine Ergänzung – und ermöglicht vielen erst den Zugang zu Sprache, Texten und dem Verstehen von Informationen.
Wer sich mit dem Thema beschäftigt, trifft noch auf einige andere Vorurteile und Missverständnisse (sie stehen in diesem Blog-Beitrag). Sich darüber mit den capito-Fachleuten und der Gruppe auszutauschen, war wertvoll.
Viel gebracht hat mir zudem der Einblick in die Prüfgruppen. Gemäss dem capito Qualitätsstandard werden die Texte Personen vorgelegt, die möglichst nah an der Zielgruppe sind. Nach einer Einführung in diese Arbeit konnten wir live mitverfolgen, wie eine solche Prüfung konkret abläuft und letzte Barrieren weggeräumt.

KI als Hilfe beim Übersetzen

Die Teilnahme am Lehrgang beinhaltete den Zugriff auf capito.ai – ein KI-Tool, das Texte auf schwer verständliche Stellen untersucht, sie direkt in eine bestimmte Sprachstufe übersetzt und weitere interessante Funktionen bietet.
Das Tool kann an manchen Stellen unterstützen und wird immer besser, erfüllt im Moment aber etliche Ansprüche noch nicht.
Wie bei KI allgemein gilt es, die Vorschläge genau zu prüfen und entsprechend zu überarbeiten. Und selbstverständlich zu deklarieren, sollten KI-Vorschläge vollständig übernommen werden.

Barrierefreiheit endet nicht beim Text

Informationen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, umfasst noch mehr als die Sprache. So ging es im Lehrgang auch um das «Design for All» – den Medienmix und die Gestaltung der einzelnen Medien. Also um Strukturen, Schriften, Formatierungen, Alternativ-Teste, Illustrationen, Kontraste und weitere Feinheiten, die insbesondere für Assistive Technologien wichtig sind.

Symbolbild. Stopzeichen für Informations-Barrieren in Texten

Es braucht mehr als eine verständliche Sprache, damit Informationen möglichst allen Menschen zugänglich sind.
© capito München

Als praktisch erwies sich, dass ich parallel zum Lehrgang am Relaunch einer Website arbeitete. Ich setzte manches direkt um, testete es mit Screenreader und Transkriptionssoftware. Erfreulich ist, dass diese Fleissarbeiten für die Accessibility meist gleichzeitig der Usability und SEO einer Website zuträglich sind.
Besagte Website war dann auch das Thema meiner Abschlussarbeit im Juni, einer kurzen Präsentation vor einer Prüfgruppe. Das war für mich eine gute, nützliche Erfahrung zum Ausklang.

Kleine Schritte, grosse Wirkung

Nun bin ich «Zertifizierte Fachkraft für Barrierefreie Information nach dem capito Qualitätsstandard». Direkt Leichte und Einfache Sprache anbieten werde ich noch nicht. Aber ich will dranbleiben, vielleicht mit dem Vertiefungskurs im Herbst. In jedem Fall hat der Lehrgang viel gebracht, was ich unmittelbar anwenden kann.
Der Lehrgang hat mir nochmals gezeigt, wie anspruchsvoll es ist, Texte in eicht verständlicher Sprache zu verfassen. Und dass man bei allem Bemühen um Inklusion leider nie allen gerecht werden kann. Als Beispiel dafür stehen Aufzählungen: Sie sind für das Erfassen mit den Augen sehr hilfreich, stören aber beim Vorlesen mit dem Screenreader.
Die gute Nachricht ist jedoch: Es gibt viele Möglichkeiten, mit einem verhältnismässig kleinen Aufwand einen grossen Unterschied zu machen für Menschen mit bestimmten Einschränkungen. Die gilt es zu nutzen.

Theresia Schneider, Texterin EFA

Es ist eine Tastatur eines Laptops zu sehen. Unscharf ein Person, die einen Stift in der Hand hält.

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  • Welche Erfahrungen haben Sie mit Leichter oder Einfacher Sprache in Ihrem Berufsalltag gemacht?
  • Wo sehen Sie in Ihrer Organisation das grösste Potenzial, Informationen barrierefreier zu gestalten?
  • Welche kleinen Veränderungen könnten aus Ihrer Sicht bereits einen grossen Unterschied für die Verständlichkeit machen?

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