Gesundheitsfachpersonen nutzen KI am Laptop im Berufsalltag im Spital

Unsere Expert:innen ordnen ein: KI im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen

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Welche KI-Tools sind im Gesundheitswesen sicher – und wie lassen sie sich verantwortungsvoll einsetzen? Julia Amann, Expertin für Künstliche Intelligenz und digitale Transformation bei Careum, gibt im folgenden Beitrag praxisnahe Orientierung und konkrete Tipps für den sicheren Einsatz von KI im Berufsalltag.

Wenn ich KI-Schulungen für Gesundheitsfachpersonen durchführe, lautet eine der meistgestellten Fragen: Welches Tool ist sicher?

Das ist in etwa so, als würde man fragen, welches Auto sicher ist. Entscheidend ist dabei nicht nur das Fahrzeug, sondern vor allem, wer am Steuer beziehungsweise an der Tastatur sitzt. Genau deshalb steht beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen nicht nur das Tool selbst, sondern auch der verantwortungsvolle Umgang damit im Zentrum.

Künstliche Intelligenz, insbesondere generative KI, eröffnet Gesundheitsfachpersonen neue Möglichkeiten: von der Formulierung- und Übersetzungshilfe, über Wissensaufbereitung bis hin zur Gesprächsvorbereitung. Gleichzeitig wirft der Einsatz von generativer KI Fragen zu Datenschutz, Qualität, Verantwortung und professioneller Haltung auf.

KI im Gesundheitswesen: Warum KI nicht gleich KI ist

Künstliche Intelligenz ist kein einheitliches Werkzeug. Im Gesundheitswesen werden seit Jahren KI-Systeme eingesetzt, etwa zur Bildanalyse in der Radiologie oder zur klinischen Entscheidungsfindung, beispielsweise bei der Einschätzung von Symptomen und Risiken. Generative KI ist nur eine Form davon.

Generative KI bezeichnet Systeme, die neue Inhalte erzeugen können: Texte, Zusammenfassungen, Übersetzungen, Ideen oder sogar Bilder, Videos, Stimmen und Musik. Bekannte Beispiele sind Chatbots wie ChatGPT, Microsoft Copilot oder Claude. Was all diese Tools, die auf grossen Sprachmodellen (Large Language Models oder LLM) basieren, gemeinsam haben, ist, dass sie auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten agieren. Das bedeutet: Sie berechnen wahrscheinliche Wortfolgen oder Antworten auf Basis grosser Datenmengen (Trainingsdaten). Sie «verstehen» Inhalte also nicht im menschlichen Sinn und verfügen über kein eigenes Fachurteil.

Generative KI kann somit als Assistenzwerkzeug dienen, ersetzt jedoch nicht professionelles Wissen, klinische Erfahrung oder ethische Verantwortung.

Generative KI in 2 Minuten erklärt

Generative KI kurz erklärt

ChatGPT, Claude oder Copilot: Lernen Sie in diesem Video in zwei Minuten, was generative KI eigentlich genau ist.

Die Wahl des KI-Tools hat Konsequenzen

Im Alltag wird häufig pauschal von «dem Chatbot» oder «der KI» gesprochen. Tatsächlich unterscheiden sich KI-Chatbots jedoch erheblich – mit relevanten Konsequenzen für den Einsatz im Gesundheitskontext. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist beispielsweise, ob es sich um öffentlich zugängliche oder organisationsgebundene Systeme handelt.

Generative KI im Berufsalltag: Chancen, Grenzen und klare No-Gos

Generative KI kann im Berufsalltag entlasten, wenn sie richtig eingesetzt wird.

Geeignete Einsatzbereiche sind unter anderem:

  • Strukturieren und Zusammenfassen von wissenschaftlichen Texten
  • Sprachliche Vereinfachung oder Übersetzung von Texten
  • Formulieren von neutralen Informationsmaterialien
  • Unterstützung bei Recherche und Ideensammlung (z. B. für pflegerische Massnahmen)
  • Reflexion und Perspektivenwechsel (z. B. «Welche Fragen könnten Patient:innen haben?»)
  • Unterstützung bei der Patientendokumentation (nur mit unternehmensinternen Tools möglich)

Nicht geeignet ist der Einsatz von generativer KI für:

  • Eingabe von personenbezogenen oder sensiblen Gesundheitsdaten
  • Diagnosen oder Therapieentscheide
  • Interpretation individueller Befunde
  • Ersatz von professioneller Beurteilung oder Gesprächsführung

KI kann auch fehlerhafte, irrelevante oder veraltete Informationen liefern. Gesundheitsfachpersonen sollten generative KI-Tools daher nur in Bereichen einsetzen, in denen sie in der Lage sind, Fehler zu erkennen, Informationen korrekt einzuordnen und die Qualität der Antwort fachlich zu prüfen.

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KI im Team und mit Patient:innen thematisieren

Der Einsatz von KI sollte nicht im stillen Kämmerlein stattfinden. Transparenz im Team und im Unternehmen schafft Vertrauen und verhindert Fehlanwendungen. Sinnvoll sind gemeinsame Leitlinien: Welche Tools sind erlaubt? Für welche Zwecke? Wo braucht es Rücksprache?

Durch einen gezielten Austausch können Anwendungsbeispiele, sogenannte Use Cases, gesammelt und geteilt werden, die zeigen, wie ein KI-Tool in einer bestimmten Situation sinnvoll eingesetzt werden kann und wie ein Prompt formuliert sein muss, damit er schnell zu relevanten Ergebnissen führt. Ein Use Case im Gesundheitswesen ist beispielsweise die sprachliche Vereinfachung allgemeiner Patienteninformationen mithilfe eines KI-Tools. Solche gemeinsam erarbeiteten Use Cases schaffen Orientierung, fördern einen reflektierten Einsatz von KI-Tools und erleichtern den Wissenstransfer im Team.

Patientendokumentation prägt KI-Systeme

KI-Systeme lernen aus Daten, die im Versorgungsalltag entstehen. Gesundheitsfachpersonen prägen diese Daten täglich, oft ohne es bewusst wahrzunehmen. Genau deshalb ist es wichtig, sich dieser Rolle bewusst zu sein. Denn Daten sind nie neutral: Sie spiegeln bestehende Routinen, Annahmen, Haltungen, strukturelle Ungleichheiten und auch blinde Flecken im Versorgungssystem wider. Wenn bestimmte Gruppen von Patient:innen seltener erfasst, anders dokumentiert oder weniger konsequent behandelt werden, schlägt sich das in den Daten nieder – und damit auch in den KI-Systemen, die mit diesen Daten trainiert werden.

Solche Verzerrungen, sogenannte Bias, können dazu führen, dass KI-Systeme für einzelne Gruppen weniger zuverlässig sind, Risiken falsch einschätzen oder bestehende Ungleichheiten verstärken. Internationale Studien zeigen, dass KI-gestützte Prognosemodelle je nach Geschlecht, Alter oder sozioökonomischem Hintergrund unterschiedlich genau funktionieren. Ein bewusster, reflektierter Umgang mit Dokumentation, Datenerhebung und Interpretation ist deshalb eine zentrale Voraussetzung für einen fairen und verantwortungsvollen Einsatz von KI im Gesundheitswesen.

Gesundheitsfachpersonen tragen damit nicht nur Verantwortung im direkten Patientenkontakt, sondern auch dafür, welche Daten künftig als Grundlage für digitale Systeme dienen.

Gesundheitsfachpersonen begleiten KI-Nutzung von Patient:innen

Neben dem eigenen professionellen Einsatz gewinnt auch die KI-Nutzung durch Patient:innen zunehmend an Bedeutung. Viele nutzen bereits selbst KI-Tools mit dem Ziel ihre Gesundheit oder Symptome besser einschätzen zu können. Mit dem Aufkommen von immer mehr KI-Gesundheits-Tools für Privatpersonen dürfte auch die Zahl der Personen steigen, die diese als Informationsquelle nutzen. Gesundheitsfachpersonen sollten darauf vorbereitet sein, diese Nutzung aufzugreifen, ohne sie zu werten, aber mit fachlicher Einordnung.

Zentral ist dabei eine offene Haltung: KI kann ein Gesprächsanlass sein, um über Informationsqualität, Chancen und Grenzen digitaler Tools sowie die Rolle professioneller Beratung zu sprechen. Ziel ist es nicht, technische Anleitungen zu geben, sondern Orientierung und Sicherheit zu bieten.

Wichtige Aspekte dabei sind:

  • Aufklärung über Chancen und Risiken von KI-basierten Gesundheitsinformationen
  • Sensibilisierung für Datenschutz und Datensparsamkeit
  • Förderung kritischer Fragen: Woher stammt diese Information? Passen sie zur eigenen Situation?
  • Stärkung der Gesundheitskompetenz statt Abhängigkeit von Tools

Praktische Tipps für Gesundheitsfachpersonen

  • Klären Sie im Team und der Organisation, welche Tools wie genutzt werden dürfen (Richtlinien).
  • Geben Sie keine personenbezogenen oder sensiblen Daten ein (Datenschutz).
  • Trainieren Sie Ihre «Prompting»-Kompetenzen.
  • Nutzen Sie KI als Denk- und Schreibhilfe, nicht als Entscheidungsinstanz.
  • Prüfen Sie KI-Antworten stets fachlich.
  • Sprechen Sie offen mit Patient:innen über KI-Inhalte, die sie nutzen oder mitbringen.
  • Teilen Sie Ihre Erfahrungen im Team.
  • Bleiben Sie lernbereit: KI-Tools entwickeln sich schnell, Kompetenzen müssen mitwachsen, fortlaufend überprüft und bei Bedarf angepasst werden.

Fazit und Ausblick

Generative KI ist kein vorübergehender Trend, sondern ein Werkzeug, das den Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen nachhaltig prägen wird. Entscheidend ist nicht die Frage nach dem «sichersten Tool», sondern nach dem verantwortungsvollsten Umgang.

Wer KI kompetent, kritisch und transparent einsetzt, kann Effizienzgewinne erzielen, ohne professionelle Standards zu gefährden. In Zukunft wird es zunehmend darum gehen, KI nicht nur technisch zu beherrschen, sondern sie ethisch, reflektiert und gemeinsam zu nutzen, im Team wie auch im Dialog mit Patient:innen. Genau hier liegt eine zentrale Kompetenz der Gesundheitsberufe von morgen.

Diskutieren Sie mit!

  • Wie geht Ihr Team mit dem Thema Künstliche Intelligenz um?
  • Wo sehen Sie die Chancen und Risiken von KI im Gesundheitswesen?
  • Welche Anwendungsbeispiele haben sich in Ihrem Berufsalltag bereits bewährt?

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