
Unsere Expert:innen ordnen ein: Zwischen Fakten und Fake – warum Gesundheitskompetenz entscheidend ist
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Wie erkennen wir verlässliche Gesundheitsinformationen im Netz? Saskia De Gani, Leiterin des Careum Zentrums für Gesundheitskompetenz, gibt im folgenden Beitrag Orientierung im Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen. Sie zeigt auf, weshalb Gesundheitskompetenz wichtig ist, um Fakten von Fakes zu unterscheiden und fundierte Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen.
Gesundheit ist ein Trendthema und Gesundheitstipps sind heute nur wenige Klicks entfernt. Suchmaschinen (z. B. Google), Soziale Medien (z. B. TikTok, Instagram, YouTube, Messenger-Gruppen) oder KI-Chatbots (z. B. ChatGPT): Sie alle liefern Antworten auf Gesundheitsfragen.
Gesundheitsinformationen im Netz: Zwischen Emotionen und Sachlichkeit
Gesundheitsbezogene Inhalte verbreiten sich schnell, sind oft emotional und von unterschiedlichster Qualität. Das heisst: Sie sind leider nicht immer korrekt. Im Zusammenhang mit Gesundheitsinformationen aus dem digitalen Raum tauchen immer wieder dieselben Fragen auf: «Woher weiss ich, ob das stimmt, was ich online gesehen habe?» oder «Wie unterscheide ich zwischen Fakt und Fake?»
Gesundheitsmythen haben seit jeher eine hohe Überzeugungskraft, die sich im digitalen Raum noch zu verstärken scheint. Die Inhalte sind von starken Emotionen geprägt und die Aufbereitung erzeugt oftmals ein ansprechendes visuelles Erlebnis. In vielen Fällen handelt es sich um Inhalte von bekannten Personen, die selbstbewusst und überzeugend auftreten, aus persönlicher Erfahrung berichten und diesen eine positive Wirkung zuschreiben. Damit sind sie einerseits schwer angreifbar und andererseits verstärken die Anzahl der Likes, Kommentare und die hohe Reichweite den Eindruck von Glaubwürdigkeit, auch wenn eine evidenzbasierte Grundlage oft fehlt.
Warum sich Gesundheitsmythen so schnell verbreiten
Die Verbreitung von Falschinformationen ist folglich nicht zufällig. Sie greifen oft Bedürfnisse oder Ängste auf, erzeugen Nähe und versprechen einfache Antworten auf komplexe Fragen. Gerade in einer Zeit, die von einer Flut an Informationen, Verunsicherung und der Suche nach schnellen Antworten geprägt ist, wirken solche Botschaften und Inhalte rasch überzeugend.
Hinzu kommt, dass die Algorithmen von sozialen Medien Inhalte bevorzugen, die Emotionen auslösen und auf die Interessen und das Verhalten der Nutzer:innen angepasst sind – und nicht unbedingt solche, die korrekt oder ausgewogen sind. Die digitalen Gesundheitsinformationen bergen diverse Risiken. Umso wichtiger ist es, diese Mechanismen zu kennen und sich bewusst damit auseinanderzusetzen. Das erfordert entsprechende Kompetenzen.
Digitale Gesundheitskompetenz in der Schweiz
Zu diesen Kompetenzen gehört insbesondere die digitale Gesundheitskompetenz. Dabei geht es nicht in erster Linie um umfassende Kenntnisse über Medizin, Gesundheitsthemen und Krankheit, sondern vielmehr um die Fähigkeiten, verlässliche Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, kritisch zu beurteilen und sie in Bezug auf die eigene Situation sinnvoll einzuordnen und anzuwenden.
Digitale Gesundheitskompetenz hilft, zwischen Meinung, persönlicher Erfahrung und evidenzbasierter Information zu unterscheiden. Sie wirkt wie ein Schutzschild gegen vorschnelle Entscheidungen, die der eigenen Gesundheit schaden könnten. In einer zunehmend digitalen Gesundheitswelt umfasst digitale Gesundheitskompetenz heute auch Kompetenzen im Umgang mit digitalen Gesundheitsdaten, das heisst Fragen des Datenschutzes, der digitalen Kommunikation sowie ein Grundverständnis neuer Technologien (z. B. künstliche Intelligenz).
Diese Kompetenzen sind jedoch in der Schweizer Bevölkerung noch wenig ausgeprägt: Wie dem Health Literacy Survey Schweiz 2019–2021 zu entnehmen ist, berichteten knapp drei Viertel der Schweizer Bevölkerung von häufigen Schwierigkeiten im Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen. Gemäss dieser Studie ist es für viele besonders herausfordernd, die Vertrauenswürdigkeit von Informationen richtig einzuschätzen und zu beurteilen, ob hinter den angebotenen Inhalten kommerzielle Interessen stehen.
Fakt oder Fake? – SRF beleuchtet Gesundheitsinformationen im Netz
Zwei Sendungen im Rahmen der SRF-Themenwoche «Fakt oder Fake?» zeigen, wie Gesundheitsmythen entstehen und wie man sie erkennen kann:
SRF 1 «Treffpunkt» – Virale Gesundheitsmythen
Bei Gesundheitstipps im Netz ist oft Skepsis angebracht. Der Beitrag beleuchtet Fake News, In-fluencer:innen und deren Einfluss auf unsere Entscheidungen.
SRF «Puls» – Fakt oder Fake?
Wenn Influencer Medizin machen: Die Sendung nimmt digitale Gesundheitsinformationen unter die Lupe und zeigt, wie Fakten von Fiktion und Fake zu unterscheiden sind.
Gesundheitsinformationen richtig einordnen: Tipps für den Alltag
Digitale Gesundheitskompetenz lässt sich stärken. Ein paar einfache Strategien und Methoden unterstützen dabei, Gesundheitsinformationen besser einzuordnen. Diese 10 Fragen und Tipps helfen, Gesundheitsinformationen kritisch zu prüfen:
Lässt sich der Inhalt überprüfen?
Häufig genügt eine kurze Recherche oder der Vergleich mit einer zweiten, unabhängigen Quelle. Auch der Austausch mit dem persönlichen Umfeld oder mit Fachpersonen hilft, Inhalte besser einzuordnen.
Werden Versprechen gemacht?
Werden absolute Aussagen («wirkt immer», «heilt sicher») oder einfache Lösungen für komplexe Gesundheitsprobleme versprochen, ist Skepsis angebracht.
Wird etwas verkauft?
Stehen ein bestimmtes Produkt, eine Methode oder ein kostenpflichtiges Angebot im Zentrum der Information? Werberische Sprache, Rabattaktionen oder direkte Kaufaufforderungen sind Warnsignale. Viele Inhalte dienen in erster Linie der Vermarktung und werden gezielt durch Algorithmen angezeigt.
Ist die Information frei von Werbung?
Verlässliche Gesundheitsinformationen sind klar von Werbung getrennt. Wenn Information und Verkauf ineinanderfliessen, fällt eine unabhängige Beurteilung schwer und Vorsicht ist geboten.
Wird ausgewogen informiert?
Seriöse Inhalte zeigen nicht nur mögliche Vorteile, sondern auch Risiken, Nebenwirkungen oder Grenzen. Einseitig positive Darstellungen sind also ein Warnsignal.
Werden Fachbegriffe verständlich erklärt?
Gute Gesundheitsinformationen verwenden Fachbegriffe sparsam oder erklären sie verständlich. Unverständliche Sprache kann ein Hinweis darauf sein, dass die Inhalte nicht für Laien aufbereitet sind oder bewusst kompliziert wirken sollen.
Wer steckt hinter der Information?
Stammt der Inhalt von einer unabhängigen Einrichtung, einer anerkannten Fachorganisation oder einer öffentlichen Institution? Transparente Angaben zur Autorenschaft unterstreichen die Glaubwürdigkeit.
Gibt es Quellenangaben?
Verlässliche Informationen nennen ihre Quellen, zum Beispiel Studien, Leitlinien oder Fachpublikationen. Fehlende oder vage Quellenangaben sollten kritisch hinterfragt werden.
Ist die Information aktuell?
Gesundheitswissen entwickelt sich weiter. Vertrauenswürdige Inhalte geben an, wann sie erstellt oder zuletzt aktualisiert wurden.
Woher stammen die Informationen?
Erzählen Sie Ihrer Fachperson (Ärzt:innen, Apotheker:innen oder andere Gesundheitsfachpersonen), woher Sie die Informationen haben, die Sie im Gespräch erwähnen. Das gemeinsame Hinterfragen von Inhalten und Aussagen kann zur korrekten Einordnung beitragen und ermöglicht die Identifizierung von Falschinformationen und Mythen.
Empfohlene Faktenchecks im Netz
Als zusätzliche Orientierung können wir diese Faktencheck-Angebote empfehlen, um Falschinformationen zu erkennen:
Gesundheitsfachpersonen als Orientierungshilfe im Informationsdschungel
Patient:innen kommen heute vermehrt mit Informationen aus den sozialen Medien, Screenshots oder bereits selbst recherchierten Diagnosen in die Sprechstunde – oftmals verunsichert durch die widersprüchlichen Informationen. Für Gesundheitsfachpersonen ist diese Entwicklung längst Teil ihres Berufsalltags. Sie sind damit heutzutage nicht mehr die erste, sondern eher die zweite Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen.
Herausfordernd wird es dann, wenn die mitgebrachten Informationen und Empfehlungen aus dem Internet der vorhandenen Evidenz bzw. den Einschätzungen der Fachpersonen widersprechen. Diese Widersprüche gilt es dann aufzulösen – was zusätzlich Zeit und Kompetenzen von Seiten der Fachpersonen erfordert. Werden diese Herausforderungen nicht angemessen angegangen, können Verunsicherungen verstärkt werden, was wiederum zu wiederholten Konsultationen führen und im Einzelfall auch gesundheitlich negative Folgen nach sich ziehen kann.
Digitale Gesundheitskompetenz wird damit zu einer zentralen Voraussetzung für eine gelingende Behandlung – nicht nur für die Patient:innen, sondern auch für die Gesundheitsfachpersonen. Für sie gehören heute unter anderem der reflektierte Umgang mit fehlinformierten Patient:innen als auch die Fähigkeit, digitale Inhalte gemeinsam mit den Patient:innen einzuordnen und ihre digitale Gesundheitskompetenz gezielt zu fördern, zu den Kernkompetenzen.
Ebenfalls im Zentrum steht die patientenzentrierte Kommunikation. Eine offene und nicht wertende Haltung ist entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und die gemeinsame Beziehung zu stärken. Wenn Patient:innen Informationen aus dem Internet mitbringen, können diese beispielsweise als Aufhänger für das Gespräch genutzt werden. Wer gezielt nachfragt, Unsicherheiten ernst nimmt und leicht verständlich erklärt, weshalb bestimmte Inhalte problematisch oder unzuverlässig sind, kann Vertrauen und Glaubwürdigkeit sicherstellen.
Fazit: Warum Gesundheitskompetenz entscheidend ist
Gesundheit ist ein emotionales und alltägliches Thema und deshalb besonders anfällig für Fehlinformationen. In einer digitalen Welt, in der Gesundheitsinformationen jederzeit und überall verfügbar sind, wird Gesundheitskompetenz zu einer zentralen Voraussetzung für fundierte Entscheidungen und einen selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Gesundheit.
*Dieser Beitrag wurde gemeinsam mit Anja Hollenstein, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Careum Zentrum für Gesundheitskompetenz, verfasst.
Diskutieren Sie mit!
- Wie gehen Sie damit um, wenn Sie widersprüchliche Gesundheitsinformationen im Netz finden?
- Wo sind Sie zuletzt auf Gesundheitsinformationen gestossen, bei denen Sie unsicher waren, ob sie stimmen?
- Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder anderen Fachpersonen über Informationen aus dem Internet? Warum (nicht)?

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