
Agentische KI ist die nächste Stufe der künstlichen Intelligenz. Anders als klassische Chatbots erledigen agentische Systeme selbstständig komplexe Aufgaben und treffen Entscheidungen. Doch was bedeutet das für Unterricht, Lehre und Lernen? Unsere KI-Expertin Charitini Karadamou ordnet ein, wie agentische KI Lehren und Lernen verändert und warum der Mensch im Bildungsbereich trotz aller technologischen Fortschritte unverzichtbar bleibt.
Beginnen wir mit einer Unterscheidung, die enorm wichtig ist: Generative KI – also KI-Systeme wie ChatGPT, die auf Eingaben hin Inhalte erstellen – ist reaktiv. Sie sitzt da, wartet, bis man sie etwas fragt, und produziert zum Beispiel Text. Im Kern ist sie ein sehr eloquenter Briefschreiber ohne jegliche Eigeninitiative.
Mehr als ein Chatbot: Was agentische KI ausmacht
Agentische KI ist anders. Sie plant, führt mehrstufige Aktionen aus, überwacht Ergebnisse, passt ihre Strategie an und verfolgt Ziele, ohne dass ein Mensch jeden einzelnen Schritt anstossen muss (OECD, 2025).
Kurz gesagt: Generative KI beantwortet deine Frage, während agentische KI entscheidet, welche Frage als Nächstes wichtig ist, schon das Folgegespräch terminiert und bereits eine E-Mail an die entsprechende Zielgruppe geschickt hat, bevor du deinen Laptop überhaupt geöffnet hast.
Studien zeigen das Potenzial
Aktuelle Studien verdeutlichen, wie selbstverständlich KI bereits zum Studienalltag gehört. 2025 befragte das Higher Education Policy Institute (HEPI) 1041 Vollzeitstudierende im Vereinigten Königreich und stellte fest: 92% nutzen inzwischen generative KI – ein Anstieg gegenüber 66% im Vorjahr – und 88% gaben an, sie für Leistungsnachweise einzusetzen (HEPI, 2025).
Gleichzeitig stellten die Harvard-Physiker Kestin und Miller (2025) in einer im Journal «Scientific Reports» veröffentlichten Studie fest, dass Studierende, die mit einem speziell entwickelten KI-Tutor lernten, Lernfortschritte erzielten, die 0,73 bis 1,3 Standardabweichungen über denen von aktiv gestalteten Präsenzkursen lagen – und dabei im Median elf Minuten weniger Zeit aufwendeten. In der Bildungsforschung gilt ein Effekt von über 0,4 bereits als signifikant. Dieses Ergebnis lag fast dreimal so hoch. Dies zeigt das Potenzial von KI-gestützter Lernbegleitung für individualisierte Lernprozesse.
Wo agentische KI bereits eingesetzt wird
Im Februar 2025 rollte die California State University (CSU) ChatGPT Edu von OpenAI auf allen 23 Campus aus – für über 460'000 Studierende sowie 63'000 Mitarbeitende und Lehrpersonen – und erklärte sich damit zum ersten KI-gestützten Hochschulsystem der USA (OpenAI, 2025). Im April 2025 wurde die Northeastern University zum ersten universitären Designpartner von Anthropic und führte «Claude for Education» mit seinem charakteristischen «Lernmodus» ein, der die Studierenden dazu anregt, selbst zu argumentieren, anstatt ihnen einfach nur Antworten zu liefern. Das System wurde an allen 13 Standorten weltweit für 50'000 Studierende und 3500 Dozierende eingeführt. Die London School of Economics und das Champlain College in Vermont zogen zeitgleich nach (Anthropic, 2025).
Die Duke University startete ab Mitte 2025 ein Pilotprojekt, bei dem alle Bachelor-Studierenden uneingeschränkten Zugang zu GPT-4o erhielten, mit dem ausdrücklichen Auftrag, sowohl die Vorteile als auch die Risiken zu untersuchen (Duke University, 2025). Khan Academy, eine bekannte US-amerikanische Non-Profit-Bildungsplattform, betreibt mit Khanmigo ein KI-gestütztes Tutoring-Tool, das Lernenden direkt in Übungsaufgaben Hilfestellung gibt. Dieses Tool verzeichnete 2024 bis 2025 ein Wachstum von 731% und erreichte zwei Millionen Nutzer:innen (AgentMarketCap, 2026). Eine von Forschenden der Stanford University und der University of Toronto verfasste, peer-reviewte PNAS-Studie vom Januar 2026 stellte einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung der Khan Academy und messbaren Verbesserungen der Testergebnisse her (AgentMarketCap, 2026).
Im März 2026 lancierte Instructure – ein US-amerikanischer Anbieter der Lernplattform Canvas, die auch an vielen Schweizer und europäischen Hochschulen im Einsatz ist – den Canvas IgniteAI Agent: ein agentisches Tool eingebettet in ein Lernmanagementsystem, das von über 40% der nordamerikanischen Hochschulen genutzt wird. Der Agent kann Bewertungsraster generieren, Kursinhalte neu ausrichten und Ankündigungen in Echtzeit für mehrsprachige Klassen übersetzen – alles aus einem einzigen Prompt heraus (Instructure, 2026). Die Arizona State University veranstaltete im Oktober 2025 ihre erste Tagung zum Thema «Agentic AI and the Student Experience» mit über 600 Teilnehmenden aus Bildung und Industrie, und ging im März 2026 eine Partnerschaft mit Cintana Education und AWS ein, um offene agentische Tools für ein globales Hochschulnetzwerk zu entwickeln (ASU, 2025; Cintana Education, 2026). In Europa berichtete das Open Institute of Technology (OPIT) nach der Einführung eines Assistenzagenten für die Dozierenden von einer Reduktion der Korrekturzeit um 30% (8allocate, 2025).
Diese Beispiele zeigen vor allem eines: Agentische KI ist keine Zukunftsvision mehr. Internationale Hochschulen sammeln bereits heute praktische Erfahrungen.
Die Rolle der Lehrpersonen verändert sich
Die zentrale Frage für Lehrpersonen an Sekundar- und Hochschulen lautet nicht mehr: «Wird KI meinen Job verändern?» Dieser Zug ist bereits abgefahren. Die Frage lautet: In welche Richtung fährt er?
Es zeichnet sich ein Konsens ab, dass agentische KI den Bedarf an Lehrpersonen nicht abschafft (Ohio State University Office of Distance Education, 2025; UPCEA, 2026). Vielmehr verschiebt sich ihre Rolle grundlegend – weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zu Aufgaben, die echte menschliche Urteilskraft erfordern. Gerade darin sehe ich eine grosse Chance: Lehrpersonen können sich künftig stärker auf die Begleitung von Lernprozessen, kritisches Denken und die individuelle Förderung konzentrieren.
Denn was agentische KI nicht leisten kann – zumindest nicht in sinnvoller Weise – ist die zutiefst relationale, ethisch eingebettete, identitätsbildende Arbeit, die gute Bildung immer ausgemacht hat. Sie kann überforderten Studierenden nicht mit echter Sorge in die Augen blicken. Sie kann intellektuelle Bescheidenheit nicht in Echtzeit vorleben. Das sind unaufhebbare menschliche Funktionen – und die Ankunft agentischer KI macht sie eher wichtiger als überflüssig (The Hindu, 2026).
Das legt nahe, dass Lehrpersonen sich auf folgende drei neue Rollen zubewegen (Mills, 2026; AI Pioneers, 2026):
- Gestalter:innen von Lernprozessen (Orchestration Architect): Sie entscheiden, welche Aufgaben agentische KI übernimmt und welche bewusst beim Menschen bleiben.
- Didaktische Gestalter:innen des KI-Einsatzes (Pedagogical Product Owner): Sie übersetzen ihre Lehrphilosophie in Agent-Workflows und Prompts.
- Begleiter:innen bei der kritischen Einordnung von KI-Ergebnissen (Sense‑Making Coach): Sie unterstützen Studierende dabei, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und einzuordnen.
Bemerkenswert: In der HEPI-Umfrage 2025 gaben nur 42% der Studierenden an, dass ihre Lehrpersonen gut darauf vorbereitet seien, sie bei der KI-Nutzung zu unterstützen – ein Anstieg gegenüber erschreckenden 18% im Vorjahr (HEPI, 2025).
Studierende sind der Entwicklung voraus
Studierende in der westlichen Welt sind keine passiven Empfänger:innen dieser Transformation. Sie sind ihren Institutionen einen Schritt voraus. Die HEPI-Daten sprechen eine klare Sprache: 92% der britischen Studierenden nutzen KI, doch nur 36% haben an ihrer Hochschule eine formale Schulung dazu erhalten (HEPI, 2025). Diese Kluft zwischen Nutzung und Vorbereitung ist eine der gravierendsten Governance-Schwächen der aktuellen Hochschullandschaft.
Für Studierende, die agentische KI bewusst einsetzen – als sokratische Dialogpartnerin, als Forschungsbeschleunigerin, als unermüdliche Generatorin von Übungsaufgaben, die auf ihre Schwachstellen zugeschnitten sind –, bedeutet die Technologie eine echte Demokratisierung des personalisierten Lernens: Eins-zu-eins-Nachhilfe war historisch jenen vorbehalten, die sie sich leisten konnten. Agentische KI könnte der erste Zeitpunkt sein, zu dem dies prinzipiell allen offen steht (McKendrick, 2025).
Für Studierende, die ihr Denken hingegen vollständig auslagern, ist das wahrscheinliche Ergebnis eine erlernte Hilflosigkeit in sprachlich hochwertiger Verpackung. Die HEPI-Umfrage hält denn auch fest, dass 29% der Studierenden angaben, sie würden weniger Aufwand investieren, wenn Prüfungen KI-gestützt bewertet würden (HEPI, 2025). Wie Hochschulen den KI-Einsatz regeln, ist also alles andere als eine abstrakte Frage.
Was bedeutet das für die Zukunft der Bildung?
Agentische KI hält ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt Einzug in den Bildungsbereich, in dem die Evidenz für personalisiertes, dialogisches und feedbackreiches Lernen so überzeugend ist wie nie zuvor. Gleichzeitig eröffnet sie neue Möglichkeiten, diese Form des Lernens im grösseren Massstab umzusetzen. Die RCT-Studie aus Harvard, die PNAS-Studie von Stanford und Toronto sowie die Khanmigo-Nutzungsdaten weisen alle in die gleiche Richtung: Sorgfältig gestaltete KI-Nachhilfe kann Ergebnisse liefern, die über das hinausgehen, was im Grossgruppenunterricht typischerweise erreicht wird (Kestin & Miller, 2025; AgentMarketCap, 2026).
Aber «sorgfältig gestaltet» spielt in diesem Satz eine enorme Rolle. Der Unterschied zwischen einem KI-System, das wirklich eigenständiges Denken fördert, und einem, das lediglich den Anschein von Lernen erweckt, hängt fast vollständig von den Entscheidungen ab, die Lehrpersonen, Institutionen und Politik treffen – nicht von der Technologie selbst (Sallam et al., 2025). Genau deshalb sollte die Diskussion weniger um die Technologie kreisen als um die Frage, wie wir gutes Lernen gestalten wollen.
Agentische KI nimmt Lehrpersonen das pädagogische Urteilsvermögen nicht ab. Im Gegenteil: Sie verlangt Klarheit darüber, wozu Bildung eigentlich da ist, Ehrlichkeit darüber, welche aktuellen Praktiken wirklich vertretbar sind, und den Mut, den Rest neu zu gestalten. Der KI-Schwarm ist im Bildungsbereich angekommen. Die Frage ist, wer ihn lenkt.
Literatur
- 8allocate. (2025). Agentic AI in education: Use cases, risks, and an implementation playbook.
- AgentMarketCap. (2026, April 5). Education AI agents go mainstream: Khan Academy, Chegg, EdTech agentic learning. AgentMarketCapBlog.
- AI Pioneers. (2026, February 22). Navigating the rise of AI agents in education.
- Anthropic. (2025, April 1). How Anthropic is bringing responsible AI to higher education [Press release].
- Arizona State University. (2025). Agentic AI and the student experience [Event page].
- Cintana Education. (2026, March 31). New global collaboration advances agentic AI in learning [Press release].
- Duke University. (2025, May 27). Duke expands suite of secure, Duke-managed AI services with OpenAI.
- Higher Education Policy Institute (HEPI). (2025). Student generative AI survey 2025.
- Instructure. (2026, March 11). Instructure delivers on its agentic AI promise with the launch of IgniteAI Agent [Press release].
- Kestin, G., & Miller, K. (2025). AI tutoring outperforms in-class active learning. Scientific Reports, 15, Article 17458.
- McKendrick, J. (2025, October 24). AI delivers the missing piece of education — digital tutoring. Forbes.
- Mills, A. (2026, February 4). Agentic AI: Considerations for educators. Substack.
- OECD. (2025). The agentic AI landscape and its conceptual foundations. OECD Publishing.
- Ohio State University Office of Distance Education. (2025, October 13). Agentic AI in higher education.
- OpenAI. (2025, February 3). OpenAI and the CSU system bring AI to 500,000 students & faculty [Press release].
- Sallam, M., Al-Emran, M., & Shaalan, K. (2025). Evolution of AI in education: Agentic workflows. arXiv.
- The Hindu. (2026, March 4). Agentic AI and the future of universities: Why teachers must rethink their role. The Hindu.
- UPCEA. (2026, January 7). The rise of the agentic AI university in 2026.
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- Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit KI beim Lehren oder Lernen gemacht?
- Wie stellen Sie sich die Rolle von Lehrpersonen in einer Welt mit agentischer KI vor?
- Wo würden Sie agentische KI im Bildungsbereich einsetzen – und wo bewusst nicht?







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