
Suizidalität bleibt oft unbemerkt – doch ihre Folgen sind tiefgreifend. Angehörige, Freunde, aber auch Pflegefachkräfte stehen vor der Herausforderung, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren.
Suizid ist eine schicksalhafte Entscheidung, die nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern auch das seiner Familie und Freunde für immer verändert.
In folgendem Beitrag werden wirksame Strategien und Interventionen zur Suizidprävention erörtert. Suizidprävention ist ein vielschichtiges Thema, das Erwachsene und Jugendliche betrifft. Um effektive Massnahmen zu ergreifen, müssen wir die verschiedenen Aspekte und Risikofaktoren besser verstehen.
Wer ist besonders gefährdet?
Erwachsene sind häufig durch Stress am Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen und Beziehungsproblemen gefährdet. Diese Faktoren können zu einem Gefühl der Überforderung und Hoffnungslosigkeit führen. Jugendliche sind aufgrund verschiedener Entwicklungsveränderungen anfälliger für psychische Belastungen und Krisen. Pubertät, hormonelle Veränderungen und hohe Emotionalität spielen eine zentrale Rolle. Jugendliche sind in einer Phase, in der sie ihre Identität und soziale Akzeptanz suchen. Der Druck, in der Schule und im sozialen Umfeld zu bestehen, kann überwältigend sein.
Ganzheitliche Ansätze zur Behandlung von Suizidalität
Die Behandlung von Suizidalität erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Dies bedeutet, dass sowohl psychologische als auch soziale und medizinische Faktoren berücksichtigt werden müssen.
In der Literatur wird häufig betont, wie wichtig es ist, verschiedene Behandlungsansätze zu kombinieren. Beispielsweise sollte die Therapie durch medikamentöse Behandlung, aber auch durch soziale Unterstützung ergänzt werden. Es reicht nicht, nur einen Aspekt zu betrachten. Die Ursachen von Suizidalität sind vielfältig.
Diagnostik und Therapie von Suizidalität im Jugendalter: Leitlinien und Empfehlungen
Die aktuellen Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von Suizidalität im Jugendalter, zusammengefasst von Becker et al. (2017), betonen die Notwendigkeit einer umfassenden Bewertung der Suizidalität. Zudem wird hervorgehoben, dass multimodale Therapieansätze erforderlich sind, die individuell auf die Bedürfnisse der betroffenen Jugendlichen zugeschnitten werden. Durch die Einhaltung dieser Leitlinien und den ganzheitlichen Ansatz können wir das Risiko für Suizid bei gefährdeten Jugendlichen reduzieren und ihnen die notwendige Unterstützung bieten.
Aktive Suizidprävention: Strategien und Werkzeuge
In meinem Arbeitsalltag als Dipl. Pflegefachfrau in einem Notfallzentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie konnte ich fundierte Erfahrung im Erkennen von Anzeichen suizidaler Tendenzen sammeln. Die tägliche Interaktion mit Patient:innen ermöglicht es, subtile und weniger offensichtliche Warnsignale zu identifizieren, die auf eine mögliche Suizidalität hinweisen.
Zu den beobachtenden Warnzeichen gehören:
- Veränderungen im Verhalten oder in der Stimmung, wie Stimmungsschwankungen, Rückzug von sozialen Kontakten, Verlust von Interesse an üblichen Aktivitäten oder plötzliche Stimmungsaufhellungen.
- Verbale Hinweise, Äusserungen wie «Ich wünschte, ich wäre tot», «Ich mag nicht mehr» oder «Ich bin eine Last für andere».
- Verhaltensänderung, wie das Verschenken von persönlich wertvollen Gegenständen als Indiz für Abschiedsgedanken.
- Verschlechterung der psychischen Gesundheit.
- erhöhte Risikobereitschaft: Verhaltensweisen, die auf eine Missachtung der persönlichen Sicherheit hinweisen, wie exzessiver Drogenkonsum oder das Schlucken gefährlicher Gegenstände.
Zusätzlich zu den Warnzeichen, welche ich in meinem Alltag beobachte, gibt es auch kritische evidenzbasierte Risikofaktoren, die das Suizidrisiko erhöhen können:
- Psychische Erkrankungen: Insbesondere affektive Störungen wie Depressionen und bipolare Störung, Angststörungen und Schizophrenie sind eng mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden.
- Vorangegangene Suizidversuche: Patient:innen, die bereits Suizidversuche unternommen haben, gehören zu den höchsten Risikogruppen.
- Familiäre Belastungen: Eine familiäre Vorgeschichte von Suiziden oder psychischen Erkrankungen kann das Risiko zusätzlich steigern.
- Traumatische Erlebnisse: Erfahrungen wie Missbrauch, der Verlust nahestehender Personen oder einschneidende Lebensereignisse können das Suizidrisiko erhöhen.
- Substanzmissbrauch: Der Missbrauch von Alkohol oder anderen Drogen beeinträchtigt die Urteilsfähigkeit und fördert impulsives Verhalten, was das Risiko für suizidale Handlungen steigern kann.
Interventionstechniken
Wie können wir helfen, bevor es zu spät ist? Die Forschung von Klonsky et al. (2016) bietet Einblicke in wirksame Interventionsmethoden, einschliesslich kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) und Krisenintervention. In der Suizidprävention stehen verschiedene Interventionstechniken zur Verfügung, die darauf abzielen, Suizidgedanken zu reduzieren, das Wohlbefinden der betroffenen Personen zu verbessern, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu identifizieren und zu ändern.
Zusätzlich zur KVT werden auch Kriseninterventionstechniken eingesetzt, um schnelle und kurzfristige Unterstützung in akuten Krisensituationen zu bieten. Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) ist eine weitere effektive Methode. Sie ist insbesondere für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und suizidalen Verhaltensweisen geeignet, emotionale Regulation und Bewältigungsfähigkeiten zu verbessern. Eine Familientherapie kann ebenfalls wirksam sein: Sie stärkt das familiäre Umfeld und verbessert familiäre Dynamiken.
Die Arbeit von Linehan (1993) zur Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) zeigt Erfolg bei der Behandlung von suizidalen Verhaltensweisen, hauptsächlich bei Patient:innen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Neben klinischen Interventionen betonen Studien wie die von Klonsky et al. (2017) die Bedeutung von sozialen Unterstützungssystemen und von einer Peer-Unterstützung bei der Bewältigung von Suizidalität.
In einigen Fällen können auch medikamentöse Therapien helfen, psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen zu behandeln und so Suizidgedanken zu reduzieren. Diese verschiedenen Interventionstechniken können individuell oder in Kombination angewendet werden, je nach den Bedürfnissen und der Situation der betroffenen Person.

Wie können wir helfen, bevor es zu spät ist? Foto: Depositphotos.
Prävention am Arbeitsplatz: ein vernachlässigter Bereich
Ein häufig vernachlässigter Aspekt der Suizidprävention ist das Arbeitsumfeld. Eine Untersuchung von Milner et al. (2017) zeigt, dass Faktoren wie hoher Arbeitsdruck, geringe soziale Unterstützung und mangelnde Kontrolle über die Arbeitsumgebung das Risiko für Suizid erhöhen können. Diese Ergebnisse verdeutlichen die potenziellen negativen Auswirkungen von Arbeitsbedingungen auf die psychische Gesundheit der Arbeitnehmer:innen und unterstreichen die Dringlichkeit präventiver Massnahmen am Arbeitsplatz. Erwähnte berufliche Faktoren können eine erhebliche Belastung für die psychische Gesundheit sein und das Risiko für suizidales Verhalten erhöhen. Präventive Massnahmen am Arbeitsplatz sind daher von entscheidender Bedeutung, um das Wohlbefinden der Angestellten zu fördern und das Risiko für Suizid zu verringern.
Technologie und Suizidprävention: Chancen und Herausforderungen
Die Nutzung von Technologien zur Suizidprävention hat das Potenzial, einen bedeutenden Beitrag zur Unterstützung von Menschen in Krisensituationen zu leisten. Krisenhotlines und Online-Interventionen bieten rund um die Uhr Unterstützung und bieten Menschen in Notlagen Hilfe und Beratung. Die Forschung in diesem Gebiet hat gezeigt, dass Kriseninterventionen über das Telefon oder das Internet helfen können, akute Suizidgedanken zu verringern und Menschen in Krisensituationen zu stabilisieren. Dennoch gilt es, sicherzustellen, dass diese Technologien effektiv und angemessen eingesetzt werden.
Langfristige Folgen für Überlebende und Angehörige
Studien wie die von Frey und Cerel (2019) beleuchten die langfristigen Auswirkungen von Suizid auf Überlebende und Angehörige. Unterstützung und Interventionen sind auch nach einem Suizid unerlässlich. Die aktive Suizidprävention erfordert ein gemeinsames Engagement von Gesellschaft, Gesundheitswesen und jedem einzelnen.
Durch das Verstehen von Risikofaktoren, Früherkennung und Unterstützung, sowie unter Berücksichtigung evidenzbasierter Leitlinien und Empfehlungen können wir gemeinsam gegen die Stimme kämpfen, die zur Selbstzerstörung drängt.
Fazit
Suizidalität ist eine vielschichtige und dringliche gesellschaftliche Herausforderung, die das Leben vieler Menschen berührt. Ein entscheidender Schritt zur Suizidprävention ist das Verständnis der Risikofaktoren und der Früherkennung von Suizidalität. Dies erfordert eine umfassende Bewertung der psychischen Gesundheit sowie eine Sensibilisierung für Warnzeichen und Risikofaktoren. Zusätzlich zu Diagnose und Therapie ist auch die Unterstützung von Überlebenden und Angehörigen unerlässlich, wie von Cerel und anderen betont.
Suizidprävention ist ein ganzheitlicher Ansatz, der nicht nur klinische Interventionen umfasst, sondern auch die Förderung von sozialer Unterstützung und die Schaffung sicherer Arbeitsumgebungen beinhaltet. Verschiedene Technologien bieten ebenfalls Chancen für die Suizidprävention, indem sie rund um die Uhr erreichbare Unterstützung durch Krisenhotlines und Online-Interventionen ermöglichen. Durch das Zusammenführen von Wissen, Ressourcen und Unterstützung können wir gemeinsam gegen die Stimme kämpfen – wir können helfen, Leben zu retten.
*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet
Quellen:
Becker, K., Adam, H., In-Albon, T., & Kaess, M. (2017). Diagnostik und Therapie von Suizidalität im Jugendalter: Das Wichtigste in Kürze aus den aktuellen Leitlinien. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 45(6), 445-448.
Frey, Laura M., and Julie Cerel. "Risk for suicide and the role of family: A narrative review." Journal of family issues 36.6 (2015): 716-736.
Hawton, K., Casañas i Comabella, C., Haw, C., Saunders, K., Risk factors for suicide in individuals with depression: A systematic review. Journal of Affective Disorders, 341-349.
Joiner, T. E. (2005). Why people die by suicide. Harvard University Press.
Klonsky, E. D., Saffer, B. Y., & Bryan, C. J. (2016). Ideation-to-action theories of suicide: A conceptual and empirical update. Current Opinion in Psychology, 12, 77-82.
Linehan MM. Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Guilford Publications; 1993.
Luxton, D. D., June, J. D., & Fairall, J. M. (2012). Social media and suicide: A public health perspective. American Journal of Public Health, 102(S2), S195-S200.
Milner, A., Witt, K., Maheen, H., & LaMontagne, A. D. (2017). Access to means of suicide, occupation and the risk of suicide: a national study over 12 years of coronial data. BMC psychiatry, 17, 1-7.
O'Connor, R. C., Nock, M. K. (2021). The psychology of suicidal behaviour. Lancet Psychiatry, 8(1), 64-78.
Rudd, M. D. (2006). Fluid vulnerability theory: A cognitive approach to understanding the process of acute and chronic suicide risk. In Suicide Science: Expanding the Boundaries (pp. 159-186). Springer.
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- Welche präventiven Massnahmen können im schulischen Umfeld umgesetzt werden, um Jugendliche zu unterstützen?
- Wie können Arbeitgeber ein Arbeitsumfeld schaffen, das die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden fördert?
- Welche Rolle spielen Freunde und Familie in der Suizidprävention, und wie können sie aktiv werden?
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