
Zwischen grellem Licht, unaufhörlich piepsenden Geräten und den Geräuschen der Mitpatient:innen scheint Schlaf auf der Intensivstation fast wie ein ferner Luxus. Kaum kehrt für einen Moment Ruhe ein, wird sie schon wieder durchbrochen – durch das Kommen und Gehen des Pflegepersonals, kurze Untersuchungen oder das monotone Summen der Maschinen. Was eigentlich der Erholung dienen sollte, wird so zur Herausforderung: Eine Nacht, in der Schlaf zur Ausnahme wird.
Intensivpatient:innen gehören zu einer besonders vulnerablen Gruppe, die an Schlafproblemen leidet (Zhang, 2024). Schlafmangel oder Schlafstörungen sind bei Patient:innen auf der Intensivstation weit verbreitet. Sie können zu physiologischen und psychologischen Funktionsstörungen führen, den Heilungsprozess verzögern und sowohl die Morbidität als auch die Mortalität erhöhen (Eliassen & Hopstock, 2011).
Eine Realität, die wir als Intensivpflegende in unserem Berufsalltag oft antreffen. Auf der Intensivstation liegt der Fokus darauf, lebenswichtige Körperfunktionen aufrechtzuerhalten und akute medizinische Notfälle zu behandeln. Die Balance, lebensrettende Vorgänge sicherzustellen und erholsamen Schlaf zu fördern, stellt daher eine grosse Herausforderung für Intensivstationen dar (Eliassen & Hopstock, 2011).
Wie können wir dem in der Pflege entgegenwirken, so dass es zu einer «Mission Possible» wird?
Warum Schlaf so wichtig ist
Unser Schlaf ist ein wahrer natürlicher Superbooster, dessen Bedeutung häufig unterschätzt wird. Er ist ein physiologischer Zustand, der zyklischen Veränderungen unterliegt. Dabei spielen die Hell-Dunkel-Zyklen in unserer Umwelt eine zentrale Rolle. Im Dunkeln wird das Schlafhormon Melatonin produziert und freigesetzt, während es tagsüber durch das Licht gehemmt wird (Pamuk & Turan, 2022).
Schlaf hat eine zentrale Rolle bei der Regeneration zahlreicher biologischer Prozesse. Während des Schlafs durchläuft der Körper verschiedene Phasen.
Fünf Schlafphasen
Es gibt fünf Schlafphasen, die sich in einem Zyklus von etwa 90 Minuten wiederholen:
1. Phase 1 – Einschlafphase: Übergang vom Wachzustand in den Schlaf, leichte Schlafphase.
2. Phase 2 – Leichter Schlaf: Entspannung der Muskeln, Verlangsamung von Herzfrequenz und Atmung.
3. Phase 3 – Tiefschlaf (Übergangsphase): Beginn des erholsamen Schlafs, langsame Gehirnaktivität.
4. Phase 4 – Tiefschlaf: Regenerationsphase, wichtig für körperliche Erholung und Immunsystem.
5. REM-Phase (Traumschlaf): Intensive Gehirnaktivität, Träume, Verarbeitung von Informationen und Emotionen.
Feinde des Schlafs
- Lärmpegel
Lärm ist allgegenwärtig und stellt ein erhebliches Problem für Patient:innen und das Behandlungsteam dar (Zhang, 2024). Der Raum ist ununterbrochen von den Geräuschen von Maschinen erfüllt, die piepsen und immer lauter werden – und dies rund um die Uhr. Immer wieder wird man von etwas wachgehalten. Obwohl die Augen schon fast alleine zufallen, gelingt es nicht, in den Tiefschlaf zu fallen. Kein Wunder, denn Stresshormone sind in der Blutbahn und lassen nicht zur Ruhe kommen. - Lichtquelle
Ein künstliches Licht, welches nahezu 24 Stunden brennt, unterdrückt den natürlichen Biorhythmus, indem die Melatoninfreisetzung verzögert eingesetzt wird. Folglich wird das Schlafmuster verändert. Daraus resultieren schlafbezogene Probleme wie eine verminderte kognitive Leistungsfähigkeit, schlechte Wundheilung wie auch ein erhöhter Stress- und Cortisonpegel (Pamuk & Turan, 2022). - Tätigkeiten von Drittpersonen
Während man schlafen sollte, geht in der näheren Umgebung der Pflegealltag weiter. Dazu gehören Routineeingriffe von pflegerischen und medizinischen Verrichtungen wie eine Umpositionierung, Hautkontrolle, eine Blutentnahme oder Alltags- oder Übergabegespräche im Patientenzimmer. - Distress: Hoffnungs- und Machtlosigkeit
Distress bedeutet Stress, der vom Körper als unangenehm, bedrohlich und überfordernd empfunden wird. Dies zeigt sich in der Realität durch Angstzustände, starke Unruhe, Panikgefühle. Das Nervensystem läuft auf Hochtouren. Die beängstigenden Gedanken sind hartnäckig. Albträume kommen und gehen und halten vom Schlafen ab. Obwohl man sich bewusst ist, dass Schlaf die beste Medizin ist, geht es einfach nicht (Cho et al., 2017), (Erkoc et al., 2024).
So unterstützt Pflege erholsamen Schlaf
Zahlreiche Studien belegen, dass externe Faktoren wie Licht, Lärm und die Anwesenheit von Drittpersonen die Schlafqualität der Patient:innen auf einer Intensivstation erheblich beeinflussen. Als Intensivpflegefachpersonen fragen wir uns: Wie können wir dieses Wissen in der täglichen Praxis anwenden, um den Schlaf unserer Patient:innen trotz der genannten Schwierigkeiten zu schützen und zu fördern?
- Sensibilisierung für den Schlaf als Heilungsprozess
Schlaf ist kein Luxus, sondern ein essenzieller Bestandteil des Heilungsprozesses. Workshops, Fortbildungen oder Teamgespräche können das Bewusstsein im Pflegeteam dafür schärfen, wie wichtig ein möglichst ungestörter Schlaf für die Genesung unserer Patient:innen ist. - Aromatherapie
Der Einsatz einer kontinuierlichen inhalativen Aromatherapie mit Lavendel zeigt eine Antistress-Wirkung und hat eine verbesserte Schlafqualität zur Folge. Lavendel hat eine doppelte Eigenschaft. Lavendel ist sowohl blutdruck- als auch herzfrequenzsenkend. Es ist eine kostengünstige, sichere und effektive Methode, um eine Schlafverbesserung zu erzielen. (Cho et al., 2017). - Mittagspause
Es ist wichtig, Zeitfenster für einen erholenden Kurzschlaf (Nap) zu nutzen. Bereits 20 Minuten reichen aus, um Körper und Geist zu erholen und Energie zu tanken. - Lärmreduktion
Ohrstöpsel und Musik bringen entspannende und beruhigende Klänge: Sie dämpfen die externen Irritationen und fördern Ruhe. Sie dienen zur Ablenkung und lenken den Fokus auf die Musik. Durch die Senkung der Lautstärke von notwendigen Geräten oder von Gesprächen innerhalb des inter- und intradisziplinären Teams lässt sich die Geräuschbelastung signifikant verringern. - Lichtreduzierung
Die gezielte Steuerung von Licht kann helfen, den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zu fördern. Beispielsweise könnten gedimmtes Licht in den Abendstunden oder individuell anpassbare Lichtquellen eingesetzt werden, um die Schlafumgebung angenehmer zu gestalten. - Bündeln von nächtlichen pflegerischen und medizinischen Aktivitäten
Das Bündeln nächtlicher pflegerischer und medizinischer Aktivitäten ist eine effektive Massnahme, um die Schlafqualität von Patient:innen auf der Intensivstation zu verbessern. Durch eine enge interdisziplinäre Abstimmung können Eingriffe und Massnahmen in festen Zeitblöcken zusammengefasst werden. Gezielte Pflegeintervalle und fest integrierte Ruhezeiten ermöglichen längere, ungestörte Schlafphasen. Das fördert sowohl die Genesung der Patient:innen als auch die Effizienz im Team (Eliassen & Hopstock, 2011), (Ding et al., 2017).
Fazit
Die Intensivpflegefachpersonen sind die Drahtzieher, die das sensible Gleichgewicht auf der Intensivstation steuern. Schlafen auf der Intensivstation gleicht einem Survival-Training – es ist anstrengend, zehrt an den Kräften und fordert Patient:innen enorm.
Es ist die Kunst, beides in Einklang zu bringen: die notwendige medizinische Versorgung und den Schutz des erholsamen Schlafs. Nur durch diese Balance schaffen wir es, das Beste für unsere Patient:innen zu erreichen – mit Wachsamkeit, Feingefühl und Engagement.
*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.
Quellen
Cho, E. H., Lee, M.-Y., & Hur, M.-H. (2017). The Effects of Aromatherapy on Intensive Care Unit Patients’ Stress and Sleep Quality: A Nonrandomised Controlled Trial. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, 2017(1), 2856592. https://doi.org/10.1155/2017/2856592
Ding, Q., Redeker, N. S., Pisani, M. A., Yaggi, H. K., & Knauert, M. P. (2017). Factors Influencing Patients’ Sleep in the Intensive Care Unit: Perceptions of Patients and Clinical Staff. American Journal of Critical Care, 26(4), 278–286. https://doi.org/10.4037/ajcc2017333
Eliassen, K. M., & Hopstock, L. A. (2011). Sleep promotion in the intensive care unit—A survey of nurses’ interventions. Intensive and Critical Care Nursing, 27(3), 138–142. https://doi.org/10.1016/j.iccn.2011.03.001
Erkoc, A., Polat Dunya, C., & Uren, S. (2024). Night‐time sleep of intensive care patients: A qualitative study. Nursing in Critical Care, 29(6), 1316–1324. https://doi.org/10.1111/nicc.13133
Pamuk, K., & Turan, N. (2022). The effect of light on sleep quality and physiological parameters in patients in the intensive care unit. Applied Nursing Research, 66, 151607. https://doi.org/10.1016/j.apnr.2022.151607
Zhang, L. (2024). Effects of Nighttime Noise Management in Intensive Care Units on Hormone Levels and Sleep Quality in Conscious Patients. Noise and Health, 26(121), 186–191. https://doi.org/10.4103/nah.nah_55_24
Diskutieren Sie mit
• Schlafmangel auf der Intensivstation ist weit verbreitet. Welche langfristigen gesundheitlichen Konsequenzen könnten sich daraus ergeben? Nehmen wir diese ernst genug?
• Wie können Pflegefachkräfte dazu beitragen, dass Patient:innen auf der Intensivstation mehr Ruhe und erholsameren Schlaf finden?
• Welche Störungen sind unvermeidbar, und wo könnten Pflegeteams gezielt Veränderungen vornehmen, um die Schlafqualität zu verbessern?

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