Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege – ein unterschätztes Phänomen

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Obwohl Pflegekräfte häufig mit Aggression und Gewalt konfrontiert sind, bleibt dieses Thema vielfach unbeachtet. Warum findet diese Problematik noch immer zu wenig Anerkennung? Welche Auswirkungen hat sie auf die Betroffenen und das Gesundheitssystem, und welche Massnahmen können Pflegekräfte wirksam schützen? Ein kritischer Blick auf eine alarmierende Realität.

Ich arbeite in der Gerontopsychiatrie, wo Gewalt leider zum Berufsalltag gehört. Verbale Aggressionen wie Beschimpfungen oder Drohungen sind keine Seltenheit ebenso wie körperliche Übergriffe. Solche Vorfälle belasten nicht nur die betroffenen Pflegenden, sondern das ganze Team.

Auch während meines HF-Studiums war Gewalt ein häufiges Gesprächsthema unter den Studierenden. Einige berichteten von sexuellen Belästigungen oder verbalen Übergriffen, die sie im Rahmen ihres Praktikums erlebt hatten. Diese Erfahrungen zeigen, wie relevant das Thema Gewalt in der Pflege und wie wichtig eine offene Auseinandersetzung damit ist.

Gewalt im Pflegealltag: Die harte Wahrheit

Gewalt gegen Pflegende ist kein Randproblem. In hiesigen psychiatrischen Institutionen berichten 73 % der Pflegenden, innerhalb eines Monats verbale Gewalt erlebt zu haben. 28 % gaben an, körperlich angegriffen worden zu sein, und 14% wurden Opfer von körperlich-sexuellen Übergriffen. Fast 30 % der Befragten haben in ihrer beruflichen Laufbahn schwere Übergriffe erlebt, die eine medizinische Behandlung erforderten (Schlup et al., 2021). Gewalt kommt in allen Bereichen der Pflege vor, ist aber in psychiatrischen und geriatrischen Einrichtungen besonders ausgeprägt (Babiarczyk et al., 2019).

Warum erkennen wir Gewalt oft nicht?

Ein triftiger Grund dafür, dass Gewalt in der Pflege selten thematisiert wird, liegt in der Wahrnehmung der Pflegenden selbst. Viele betrachten Gewalt als unvermeidlichen Teil ihres Berufes. Drohungen und Übergriffe werden als normal angesehen und selten gemeldet. Diese Haltung verhindert nicht nur die Aufarbeitung einzelner Vorfälle, sondern auch die Entwicklung langfristiger Präventionsmassnahmen. Zudem fehlt in vielen Einrichtungen ein unterstützendes Umfeld, das es den Betroffenen ermöglicht, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Angst, als schwach oder unfähig zu gelten, ist oft der Grund für eine Kultur des Schweigens (Feruglio et al., 2024).

Die Folgen: Belastung auf allen Ebenen

Die Folgen von Gewalt in der Pflege sind weitreichend. Physische Verletzungen wie Prellungen oder Knochenbrüche sind dabei nur die sichtbaren Folgen. Viele Betroffene entwickeln psychische Beschwerden wie Angststörungen, Schlafprobleme oder Burnout. In einigen Fällen führt dies sogar zu posttraumatischen Belastungsstörungen (Bagnasco et al., 2024).

Auch die Pflegequalität leidet darunter: Pflegekräfte ziehen sich emotional von Patient:innen zurück und greifen häufiger zu Zwangsmassnahmen wie Fixierungen. Dies verstärkt die Problematik und erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Übergriffe (Schlup et al., 2021). Auf organisatorischer Ebene führen Gewaltvorfälle zu hohen Fehlzeiten, Fluktuation und einer sinkenden Arbeitszufriedenheit (Bagnasco et al., 2024).

Wer ist besonders gefährdet?

Junge und unerfahrene Pflegekräfte sind am stärksten gefährdet. Studien zeigen, dass Pflegfachpersonen mit weniger als drei Jahren Berufserfahrung häufiger Opfer von Gewalt werden. Ihnen fehlen oft die nötige Routine und Deeskalationsstrategien, um gefährliche Situationen zu entschärfen (Schlup et al., 2021).
Auch das Arbeitsfeld spielt eine Rolle: Besonders betroffen sind psychiatrische und geriatrische Stationen. Überfüllte Stationen, Personalmangel und hoher Stress verschärfen das Problem zusätzlich (Babiarczyk et al., 2019).

Schutzmassnahmen: Was kann getan werden?

Eine der wirksamsten Massnahmen zum Schutz des Pflegepersonals sind Deeskalationstrainings. Sie helfen, gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren. Auch technische Lösungen wie Alarmknöpfe können Sicherheit schaffen, insbesondere in psychiatrischen Einrichtungen (Feruglio et al., 2024).
Wichtig ist auch eine offene Fehlerkultur. Pflegekräfte müssen ermutigt werden, Vorfälle zu melden, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Gleichzeitig sollten Arbeitgeber die Arbeitsbedingungen verbessern, z.B. durch eine ausreichende Personalausstattung und ein positives Teamklima (Bagnasco et al., 2024).

Fazit: Gewalt darf nicht zur Normalität werden

Gewalt gegen Pflegende ist ein gravierendes Problem mit weitreichenden Folgen. Besonders betroffen sind junge und unerfahrene Pflegende sowie Mitarbeitende in psychiatrischen Einrichtungen. Notwendig sind umfassende Präventionsmassnahmen, die von Deeskalationstrainings bis zu besseren Arbeitsbedingungen reichen. Pflegekräfte verdienen ein sicheres Arbeitsumfeld, in der Gewalt keinen Platz hat.

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.

Quellen

Babiarczyk B, Turbiarz A, TomagováM, Zeleníková R, Önler E, Sancho Cantus D. Violence againstnurses working in the health sector in five European coun-tries—pilot study. Int J Nurs Pract. 2019.

Bagnasco, A., Catania, G., Pagnucci, N., Alvaro, R., Cicolini, G., Dal Molin, A., Lancia, L., Lusignani, M., Mecugni, D., Motta, P. C., Watson, R., Hayter, M., Timmins, F., Aleo, G., Napolitano, F., Signori, A., Zanini, M., Sasso, L., Mazzoleni, B., & (2024). Protective and risk factors of workplace violence against nurses: A cross-sectional study. Journal of Clinical Nursing, 33, 4748–4758.

Feruglio, L., Bressan, V. and Cadorin, L. (2024), Violence Against Nurses During Care: A Systematic Review. J Clin Nurs.

Schlup, N., Gehri, B. and Simon, M. (2021), Prevalence and severity of verbal, physical, and sexual inpatient violence against nurses in Swiss psychiatric hospitals and associated nurse-related characteristics: Cross-sectional multicentre study. Int J Mental Health Nurs, 30: 1550-1563.

Diskutieren Sie mit!

  • Welche Massnahmen halten Sie für besonders effektiv, um Gewalt in der Pflege zu reduzieren?
  • Wie kann das Thema in Ihrer Einrichtung offen angesprochen werden?
  • Sollte Gewalt in der Pflege vermehrt öffentlich thematisiert werden?

Kommentare

  • Jacqueline Martin

    21.01.2026

    Lieber Mirsad,
    Gewalt ist ein sehr wichtiges Thema, welches Du angesprochen hast. Insbesondere weil es zu grosser psychischer Belastung bei den Betroffenen und schlimmstenfalls zu einem Berufsausstieg führen kann. Es sind neben der Geriatrie und Psychiatrie auch Notfallstationen enorm davon betroffen, weshalb viele Spitäler rund um die Uhr mit Sicherheitsdiensten vor Ort arbeiten. Lange Wartezeiten, Intoxikationen und Angst führen u.a. immer wieder zu Eskalationen. Ein weiterer wichtiger Aspekt wäre auch noch verbale Gewalt und Mobbing innerhalb vom Team, insbesondere gegenüber von Lernenden/Studierenden und frisch diplomierten Pflegenden. Gerade dieser Aspekt der "lateral violence" wurde insbesondere auch im angelsächsischen Raum gut erforscht. Hier geht es dann weniger um Deeskalationsstrategien von einzelnen Pflegenden als Prävention, sondern mehr um Teamentwicklungsmassnahmen und Null Toleranz von Führungspersonen gegenüber Mitarbeitenden, die junge Kolleg:innen mobben. Aus meiner Sicht muss Gewalt in der Pflege nicht unbedingt vermehrt öffentlich thematisiert werden, aber die Problematik muss konsequent in der Bildung und Praxis aufgegriffen werden (Schulung von Deeskalation), es sollten strukturelle Massnahmen ergriffen werden (Sicherheitsdienste, Alarmknopf etc.) und es sollte psychologische Unterstützungsmöglichkeiten nach Gewalterlebnissen geben. Insbesondere wir als Profession müssen damit besser umgehen und dafür sensibilisiert sein.

  • Mirsad Ibrahimovic

    23.01.2026

    Liebe Jacqueline

    Vielen Dank für deinen sehr reflektierten und differenzierten Kommentar. Deine Perspektive ergänzt den Beitrag auf eine wichtige Weise und zeigt, wie komplex und vielschichtig das Thema Gewalt in der Pflege ist. Ich schätze diese fachliche Einordnung sehr.

    Herzliche Grüsse
    Mirsad

  • Markus Schüpbach

    02.02.2026

    Hallo zusammen

    Die Thematisierung in der Ausbildung finde ich sehr wichtig und geschieht ja auch teilweise (Kt. ZH: FaGe Ausbildung zwei Tage im ÜK, HF Ausbildung im ZAG 5 Tage Basiskurs Aggressionsmanagement obligatorisch), jedoch ist der Transfer in die Praxis je nach Setting und Teamzusammensetzung erschwert und die Sozialisation der Rolle in Bezug zum Thema dann entsprechend ungenügend.
    Was mir immer wieder auffällt, ist das mangelhafte Wording in somatischen Settings, um Erscheinungsformen, Wirkungen und Massnahmen im Zusammenhang mit Aggression und Gewalt spezifisch beschreiben zu können. Da bräuchte es vermehrt Thementräger (z.B. Trainer AGMT), die das entsprechende Wissen und die dazu gehörende Sprache in diese Settings einbringen.

  • Mirsad Ibrahimovic

    03.02.2026

    Guten Tag Herr Schüpbach

    Vielen Dank für Ihren Kommentar und die hilfreiche Ergänzung. Auch ich erlebe im Arbeitsalltag, dass zwischen dem Gelernten und der Praxis oft eine Lücke besteht.