
Künstliche Intelligenz verändert unseren Alltag, die Arbeitswelt und die Bildung. Gerade im Zusammenhang mit Grundkompetenzen eröffnet sie neue Möglichkeiten – gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen. Lynette Weber vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) und Julia Amann, Expertin für KI und digitale Transformation bei Careum, ordnen ein, welche Chancen und Risiken der Einsatz von KI mit sich bringt und welche Rolle Bildungsinstitutionen dabei spielen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist längst nicht mehr nur ein Thema für IT-Fachpersonen oder technikaffine Menschen. KI begegnet uns im Alltag, in der Weiterbildung, am Arbeitsplatz und in vielen digitalen Anwendungen. Sie kann Texte vereinfachen, beim Schreiben helfen, Informationen erklären oder Arbeitsprozesse unterstützen.
Gerade für Erwachsene mit unterschiedlichen Grundkompetenzen kann KI deshalb eine grosse Chance sein. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage: Wer profitiert wirklich von diesen neuen Möglichkeiten? Und wer wird vielleicht ausgeschlossen, weil Sprachkenntnisse, digitale Kompetenzen oder der Zugang zu passenden Angeboten fehlen?
Genau diesen Fragen widmete sich das Educafé von Edubase vom 18. Juni 2026 unter dem Titel «Zwischen Empowerment und Exklusion: Künstliche Intelligenz im Kontext von Grundkompetenzen».
KI kann unterstützen – aber nicht automatisch alle erreichen
Viele Menschen haben im Alltag Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben, Rechnen oder digitalen Anwendungen. Das betrifft auch den Arbeitsmarkt: Formulare ausfüllen, E-Mails schreiben, Informationen verstehen oder digitale Tools bedienen gehören heute in vielen Berufen dazu.
KI kann hier entlasten. Sie kann Texte verständlicher machen, beim Formulieren helfen oder Informationen in einfacher Sprache erklären. Das kann Menschen mehr Sicherheit geben und neue Zugänge schaffen.
Gleichzeitig entstehen aber neue Hürden. Wer nicht weiss, wie man KI sinnvoll nutzt, wer Mühe mit digitalen Geräten hat oder wer die Antworten einer KI nicht einschätzen kann, bleibt möglicherweise ausgeschlossen. Damit wird der Umgang mit KI selbst zunehmend zu einer wichtigen Kompetenz.
Grundkompetenzen neu denken
Grundkompetenzen sind die Basis, um am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzunehmen. Dazu gehören Lesen, Schreiben, Rechnen und digitale Kompetenzen. Mit KI kommt nun eine weitere Ebene dazu: Menschen müssen nicht nur digitale Geräte bedienen können, sondern auch verstehen, wie KI funktioniert, wofür sie hilfreich ist und wo ihre Grenzen liegen.
Das bedeutet nicht, dass alle zu KI-Expert:innen werden müssen. Es geht vielmehr darum, KI sicher, kritisch und alltagsnah nutzen zu können.
Hier spielt die Weiterbildung eine zentrale Rolle. Sie kann Orientierung geben, Ängste abbauen und konkrete Anwendungsmöglichkeiten zeigen. Besonders wichtig ist dabei, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.
Im Gespräch: Zwei Expertinnen, zwei Perspektiven
Wie verändert Künstliche Intelligenz den Umgang mit Grundkompetenzen? Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Und welche Verantwortung kommt Bildungsinstitutionen zu? Im Anschluss an das Educafé haben wir mit der Referentin Lynette Weber vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) sowie mit Julia Amann, Expertin für KI und digitale Transformation bei Careum, gesprochen.
Lynette Weber, warum ist KI gerade im Zusammenhang mit Grundkompetenzen ein wichtiges Thema?
Lynette Weber: «KI verändert unseren Alltag, die Arbeitswelt und die Bildung bereits heute spürbar. Ob beim Verfassen von E-Mails, in Übersetzungsprogrammen, Suchmaschinen oder digitalen Dienstleistungen, KI ist längst Teil vieler alltäglicher Anwendungen und beeinflusst, wie wir lernen, arbeiten und kommunizieren. Der kompetente Umgang mit KI wird damit zunehmend zu einer Voraussetzung für berufliche und gesellschaftliche Teilhabe. Für Menschen mit geringen Grundkompetenzen ist diese Entwicklung besonders relevant, weil KI einerseits Unterstützung bieten kann, andererseits aber auch neue Anforderungen schafft. Grundkompetenzen werden dadurch nicht ersetzt, sondern verändert und um KI-bezogene Kompetenzen erweitert. Deshalb ist es wichtig, KI nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit Lese-, Schreib-, Sprach- und Digitalkompetenzen.»
KI kann Menschen dabei unterstützen, aktiver zu werden und sich mehr zuzutrauen.
Wo sehen Sie die grössten Chancen von KI für Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen?
Lynette Weber: «Eine grosse Chance liegt in der assistiven Wirkung von KI. Sie kann Menschen bei sprachlichen und schriftlichen Anforderungen unterstützen, Texte vereinfachen, Formulare verständlicher machen, Informationen erklären oder beim Verfassen von E-Mails und Bewerbungen helfen. Dadurch können teilweise fehlende Kompetenzen kompensiert werden. Menschen können Aufgaben selbstständig bewältigen, für die sie bislang Unterstützung benötigten. Das verbessert nicht nur den Zugang zu Informationen und Wissen, sondern kann auch die Teilhabe am Arbeitsleben, an Bildungsangeboten und am gesellschaftlichen Leben stärken. Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Selbstwirksamkeit. Wer Situationen eigenständig bewältigen kann, gewinnt an Sicherheit und Handlungsmöglichkeiten. KI kann Menschen dabei unterstützen, aktiver zu werden und sich mehr zuzutrauen.»
Und wo sehen Sie Risiken?
Lynette Weber: «Um KI sinnvoll nutzen zu können, braucht es Zugang zu digitalen Geräten, zum Internet und ein gewisses Mass an digitalen Kompetenzen. Dadurch besteht die Gefahr, dass Menschen, die diese Voraussetzungen nicht mitbringen, ausgeschlossen werden. Hinzu kommt, dass KI neue Anforderungen stellt. Nutzende müssen Fragen formulieren, Antworten verstehen und einschätzen können, ob die erhaltenen Informationen korrekt und vertrauenswürdig sind. Gerade die kritische und reflektierte Nutzung von KI wird deshalb immer wichtiger. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass sich bestehende Ungleichheiten verstärken können. Menschen mit guten Bildungs- und Digitalkompetenzen profitieren häufig schneller von den Möglichkeiten der KI als Personen mit geringeren Voraussetzungen. Die Gefahr eines grösser werdenden ‹Digital Divide› ist deshalb real.»
Welche Rolle kann die Weiterbildung übernehmen?
Lynette Weber: «Der Weiterbildung kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Sie kann Menschen dabei unterstützen, die notwendigen digitalen und KI-Kompetenzen aufzubauen und sich in einer zunehmend digitalisierten Lebens- und Arbeitswelt zurechtzufinden. Gleichzeitig schafft sie Räume, in denen Menschen KI ausprobieren und verstehen können. Sie kann zeigen, wie KI im Alltag oder im Beruf konkret unterstützen kann, aber auch, wo ihre Grenzen liegen und ein kritischer Umgang erforderlich ist. Besonders zielführend sind dabei Angebote, die an den konkreten Bedürfnissen der Zielgruppen anknüpfen. Erfahrungen zeigen, dass praxisnahe, lebensweltorientierte und niedrigschwellige Lernangebote den grössten Nutzen stiften. Lernen gelingt besonders dann, wenn reale Situationen aus Alltag und Beruf aufgegriffen werden und die Teilnehmenden ihre vorhandenen Stärken einbringen können. Weiterbildung kann so dazu beitragen, dass KI Menschen befähigt, die neuen Möglichkeiten für sich zu nutzen und aktiv am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzuhaben.»
Die Rolle von Bildungsinstitutionen im Umgang mit KI
Wie können Bildungsinstitutionen Menschen dabei unterstützen, KI kompetent und verantwortungsvoll zu nutzen? KI-Expertin Julia Amann zeigt im Gespräch auf, wie Careum das Thema aufgreift und welche Verantwortung Bildungsinstitutionen dabei übernehmen.
Julia Amann, wie beschäftigt sich Careum als Bildungsgruppe aktuell mit dem Einsatz von KI in Lern- und Weiterbildungsangeboten?
Julia Amann: «Wir setzen uns bei Careum auf verschiedenen Ebenen mit KI auseinander. Intern bauen wir gezielt KI-Kompetenzen auf und unterstützen unsere Mitarbeitenden dabei, die Möglichkeiten von KI verantwortungsvoll zu nutzen. Wir integrieren das Thema zunehmend auch in unsere Bildungsangebote. So bietet beispielsweise Careum Weiterbildung einen Kurs zu den Chancen, Grenzen und Auswirkungen von KI im Gesundheitswesen an, während der Careum Verlag mit seinem KI-Lerncoach personalisierte Lernunterstützung bereitstellt.
Auch im Rahmen von Fachveranstaltungen greifen wir aktuelle Entwicklungen rund um KI auf. Jüngst stand das Thema im Zentrum des Careum Forums und eines Forschungskolloquiums an der Careum Hochschule Gesundheit (CHG). Die kürzlich gemeinsam mit dem digital health center (dhc) Bülach gegründete KI-Netzwerkgruppe soll den Austausch zwischen Bildung und Praxis zum Thema KI weiter stärken.»
Bildungsinstitutionen sollten Rahmenbedingungen schaffen, damit KI für alle zugänglich und sinnvoll nutzbar ist.
Welche Verantwortung haben Bildungsinstitutionen wie Careum, wenn KI zunehmend Teil des Lernens und Arbeitens wird?
Julia Amann: «Die rasanten Entwicklungen im Bereich KI eröffnen neue Möglichkeiten, können aber auch Unsicherheiten, Ängste und Überforderung auslösen. Bildungsinstitutionen sind in der Verantwortung, ihren Kund:innen und Mitarbeitenden Orientierung zu geben. Bei Careum unterstützen wir Menschen dabei, sich in einer zunehmend von KI geprägten Welt sicher und verantwortungsvoll zu bewegen. Lernende, Studierende, Dozierende und Mitarbeitende müssen verstehen, wie KI-Systeme funktionieren, wie sie sinnvoll genutzt werden können und wo die Grenzen liegen. Dazu braucht es nicht nur klare Regeln, sondern auch eine transparente Kommunikation, Raum für Austausch und ein sicheres Umfeld, um KI testen und Erfahrungen sammeln zu können. Chancengleichheit ist dabei ein wichtiges Thema. Auf der einen Seite kann KI Bildungsungleichheiten verringern, etwa durch personalisierte Lernbegleitung. Sie kann Ungleichheiten aber auch verstärken, wenn nur bestimmte Gruppen Zugang zu guten Tools und Know-how haben. Bildungsinstitutionen sollten daher Rahmenbedingungen schaffen, damit KI für alle zugänglich und sinnvoll nutzbar ist.»
Welche Risiken entstehen, wenn KI beim Lernen und Arbeiten unreflektiert genutzt wird?
Julia Amann: «KI kann viele Aufgaben erleichtern, darf aber nicht dazu führen, dass eigenes Denken und fachliche Verantwortung in den Hintergrund treten. Wer sich zu stark auf KI verlässt, riskiert, wichtige Kompetenzen weniger zu entwickeln und auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verlieren. Ein unreflektierter Einsatz von KI birgt auch Datenschutz- und Sicherheitsrisiken. Besonders problematisch ist die sogenannte Schatten-IT, wenn KI-Tools ohne klare Regeln oder geprüfte Zugänge an der offiziellen IT-Infrastruktur eine Organisation vorbei genutzt werden und dadurch vertrauliche Daten in unsichere Systeme gelangen können.»
Über die Interviewpartnerinnen
Lynette Weber ist Erziehungswissenschaftlerin, Projektleiterin Forschung & Entwicklung beim Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) und Redaktorin bei Education Permanente. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Erwachsenenbildung, der Weiterbildungsforschung und in Projekten zu Grundkompetenzen. Zudem ist sie beim SVEB verantwortlich für das Kernthema KI in der Weiterbildung.
Julia Amann ist wissenschaftliche Projektleiterin im Bereich Strategie & Innovation bei der Careum Stiftung, wo sie das strategische Handlungsfeld digitale Transformation mitverantwortet. Zuvor war sie als Postdoktorandin an der ETH Zürich tätig und leitete Forschungsprojekte im Bereich KI-Ethik und Digital Health. Darüber hinaus ist sie als Dozentin tätig, publiziert regelmässig zu Themen an der Schnittstelle von Technologie, Ethik und Gesundheit und ist als Referentin bei Fachveranstaltungen engagiert.
Weiterbildung als Schlüssel zur Teilhabe
Das Thema zeigt deutlich: KI ist nicht nur eine technische Entwicklung. Sie ist auch eine Bildungsfrage. Wenn KI im Alltag und im Arbeitsmarkt immer wichtiger wird, müssen möglichst viele Menschen befähigt werden, diese Technologie selbstbestimmt zu nutzen.
Für uns bei Edubase ist genau das ein zentraler Punkt: Digitale Bildung soll zugänglich, verständlich und unterstützend sein. KI kann Lernen erleichtern und neue Möglichkeiten eröffnen. Damit dies gelingt, braucht es aber gute Begleitung, passende Angebote und einen bewussten Umgang mit Chancen und Risiken.
Nächstes Educafé zum Thema KI-resistente Aufgabenstellungen
Auch im nächsten Educafé vom 24. September 2026 geht es noch einmal um KI. Seien Sie dabei, wenn es um «Tipps zur Gestaltung von KI-resistenten Aufgabestellungen» geht.
Künstliche Intelligenz verändert den Unterricht – und stellt Lehrpersonen vor neue Herausforderungen. Klassische Aufgaben wie Aufsätze oder Zusammenfassungen lassen sich heute mit wenigen Klicks von KI generieren. Doch wie können Aufgaben gestaltet werden, bei denen eigenständiges Denken, persönliche Perspektiven und reale Erfahrungen im Zentrum stehen?
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- Wo sehen Sie die grössten Chancen von KI im Zusammenhang mit Grundkompetenzen?
- Welche Kompetenzen werden Ihrer Meinung nach im Umgang mit KI künftig besonders wichtig?
- Welche Verantwortung sollten Bildungsinstitutionen übernehmen, damit KI möglichst vielen Menschen zugutekommt?



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