Effizienz, Gewinnmaximierung, Leistungskontrolle, Kostenreduktion: Begriffe, die im Gesundheitswesen im Fokus stehen. Der ökonomische Druck wächst. Der Pflegenotstand und die Herausforderungen an den Pflegeberuf stehen dem diametral gegenüber. Was bedeutet dies für die pflegerische Beziehungsgestaltung? 

Caring wird in der kulturanthroposophischen Theorie als Fürsorge, Empathie und Nähe definiert (Leininger, 1988 zitiert in Flaiz, 2018, S. 73). In der deutschsprachigen Literatur wird Caring als pflegerische Sorge übersetzt (Flaiz, 2018, S. 74).

Die Vereinten Nationen deklarierten 1999, dass die Sorge- und Reproduktionsarbeit unerlässlich für eine nachhaltige Wirtschaft ist. Als zentrales Element wurde die Sorge für andere Menschen sowie die daraus entstehenden Bindungen benannt (HDR, 1999 zitiert in EBG, 2010). Die Arbeit von Pflegefachpersonen basiert auf einem umfassenden medizinischen und psychiatrischen Fachwissen, kommunikativen Fähigkeiten, technischen Kenntnissen und daraus ableitenden ressourcenorientierten Massnahmen.

Hohe Effizienz oder Beziehungsgestaltung?

Die Begleitung in der Krisenintervention, der Umgang mit Ungewissheit, herausforderndem Verhalten, Macht-, Ohnmachtsgefühlen, Verlusterleben, Aggression, Rückzug, Widerstand, Scham, Schuld, Angst und Überforderung war bereits vor Corona Alltag. Die Pandemie hat diese Themen um ein Vielfaches potenziert. Beziehung und Empathie sind für den Vertrauensaufbau wichtige Indikatoren in einem Behandlungsprozess. Beides bedingt Zeit. Zeit, den Menschen in seiner Individualität und seinen Bedürfnissen kennenzulernen. Orientierung ist für Menschen in einer Krisensituation ebenfalls ein zentraler Faktor. Eine Pflegefachperson, die kompetent informiert, hat auf Betroffene oft eine angstreduzierende Wirkung (Bauer, 2018, S. 92).

Pflegefachpersonen wird bereits früh in der Ausbildung beigebracht, schnell und effizient zu sein. Der Personalschlüssel ist oft knapp bemessen. Der Workload ist dagegen hoch. Wie können nun viele bedürftige Menschen mit geringen personellen und strukturellen Ressourcen adäquat versorgt werden (Mannino, 2021, S. 10)? Caring und die Umsetzung von Prinzipien wie Autonomie, Gerechtigkeit und soziale Teilhabe können nur dann gelebt werden, wenn auch die Bedingungen dazu vorhanden sind.

Ist ein Auto soviel wert wie ein Mensch?

In den 1980/90er-Jahren fokussierte das Gesundheitswesen immer stärker auf Marktprinzipien, Deregulierung, Effizienz und Profitstreben (Dawson et al., 2020). Um sich am Markt zu orientieren, war es notwendig, Krankenhäuser in kalkulierbare Räume zu verwandeln und alle Leistungen berechenbar darzustellen. Dies veränderte nicht nur das Abrechnungssystem und die Dauer eines Spitalaufenthaltes von Patientinnen und Patienten, sondern auch die tägliche Arbeit von Pflegefachpersonen (Foth, Lange & Smith, 2018).

Der Branchenverband der Schweizer Krankenversicherer schreibt zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Fallpauschalen, dass die Spitäler aufgefordert sind, Leistungen konstant in hoher Qualität und zu günstigen Preisen zu erbringen (Verena Nold zitiert in Swiss DRG, 2015). Für die Prozessoptimierung werden Zeiteinheiten einzelner Tätigkeiten definiert und bestimmten Berufsgruppen zugeordnet (Gulino & Hässig, 2020, S. 169).

Mit der Fallpauschale soll die Kosteneffizienz sowie ein verstärkter Wettbewerb zwischen den Spitälern gefördert werden (Swiss DRG, 2015). Das bedeutet, vereinfacht gesagt, wenn eine Ware schnell und qualitativ gut produziert werden kann, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich Nachfrage und Absatz des Produktes erhöhen. Aber ist ein Auto, das in vielfacher Weise reproduzierbar ist, vergleichbar mit einem Menschen?

Gesundheitskosten

Alle sind Teil der Wirtschaft

Wirtschaft ist Care: Ein Kurzfilm, der den heutigen Stand der Wirtschaft hinterfragt.

Techno-rational oder humanistisch?

Aufgrund einer immer älter werdenden Gesellschaft und einer Zunahme von chronischen Erkrankungen wird das Thema «Krankheit versus Gesundheit» auch weiterhin ein zentraler wirtschaftlicher Faktor bleiben (BAG, 2021).

Aber, ist ein Mensch in einer Krise immer kalkulierbar? Sind menschliche Prozesse immer so voraussehbar wie ein Produkt? Ist die Beziehung zwischen der betreuenden und der betreuten Person und die daraus entstandene Qualität nicht bereits der zentrale Teil der Arbeitsleistung? Lässt sich somit das Produkt der pflegerischen Betreuung von den Personen, die es produzieren, überhaupt von denen, die es konsumieren, trennen (EBG, 2010)? Wie sichtbar sind Pflegekräfte in ihrer Kompetenz und ihrer erbrachten Leistung in Prävention, Behandlung und im Bereich Palliative Care?

Stuart (2019) beschreibt, dass eine techno-rationale, betriebswirtschaftliche Fokussierung im Gesundheitswesen zu einem Diskurs der Entmenschlichung führt. Wernicke (2015) meint, dass es darum geht, die Differenz einer ökonomischen Abfertigungsversorgung, die auf Zeit- und Geldlogik basiert, im Vergleich zu einer Sorgeökonomie zu erkennen.

Gibt es Alternativen und Perspektiven?

Welche Konzepte für eine solidarische und berufspolitische Teilhabe von Care-Arbeit gibt es in anderen Ländern? Dr. Monika Wulf Matthies, ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft öffentlicher Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) in Deutschland, weist darauf hin, dass in Skandinavien der Gender-Anteil im Pflegeberuf ausgeglichener ist und dass 90 Prozent des Pflegefachpersonals in Gewerkschaften vertreten sind. Die monetäre Vergütung ist dadurch deutlich höher, die Bedingungen sind besser und die gesellschaftliche Wertschätzung ist sichtbarer (Louis, 2020).

In den Niederlanden wird seit 2006 das Projekt «Buurtzorg» umgesetzt. Aufgrund einer zunehmenden Bürokratisierung und Zersplitterung ganzer Arbeitsprozesse wurde eine neue Pflegeform in der Spitex initiiert. Die kleinen Teams, bestehend aus 12 Personen mit dreijähriger Bachelor-Ausbildung sowie Assistentinnen und Assistenten mit einer zweijährigen Ausbildung, arbeiten autonom. Die Hierarchie und Administration ist sehr reduziert (Leichsenring & Staflinger, 2017). Die Leistungen werden nach einem vereinbarten Budget von Pflegefachperson und der zu betreuenden Person abgerechnet und verwaltet. Die Krankenkassen wurden in diesen Prozess involviert. Der Fokus liegt dabei auf den Wirkungen der Pflege (Cavedon, Minnig & Zängel, 2018).

Die Volksinitiative für eine starke Pflege macht deutlich, dass eine unzureichende Anzahl von Pflegefachpersonal zu einer höheren Burnout-Rate und zu vermehrten Erkrankungs- und Sterberaten bei Patientinnen und Patienten führt. Die Studie «Intercare», die auf einer Analyse von 1,2 Millionen Patientinnen und Patienten in der Schweiz beruht, belegt, dass Pflegefachpersonen, die gut ausgebildet und vor allem personell ausreichend vertreten sind, bis zu 2 Millionen Franken einsparen (Camenzind, 2020).

Fazit

Die Pandemie und die daraus resultierenden Folgen werden uns wahrscheinlich gesellschaftlich, ökonomisch und individuell länger beschäftigen. Die durch die Pandemie entstandene Verletzlichkeit ist vielleicht auch eine Chance für eine neue Form der Ökonomie, die für uns alle nachhaltiger ist. Wie beim Klima gibt es keinen Planeten B: Gesundheit betrifft uns alle.

 

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.

Literatur

Bauer, R. (2018). Beziehungspflege. (3. Aufl.). Hogrefe. Bern.

Bundesamt für Gesundheit. (2021). Nationale Strategie zur Prävention nicht übertragbarer Krankheiten. Zugriff am 13. Mai 2021.

Bundesamt für Gesundheit. (2017). Volksinitiative für eine starke Pflege. Zugriff am 10. April 2021.

Camenzind, M. (2020, 09). Die Beweise liegen auf dem Tisch, Pflege spart Millionen. Krankenpflege. Zugriff am 14. Mai 2021.

Cavedon, E., Minnig C., Zängl, P. (2008). Buurtzorg in der Schweiz: Kann das funktionieren? Spitex Magazin. (3), S. 13-15. Abstract

Dawson, L., River, J., McCloughan, A. & Buus, N. (2020). Every single minute and hour is scrutinised’: neoliberalism and Australian private mental health care. Sociology of Health & Illness. ISSN 0141-9889, pp. 1–16. Abstract

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. (2010). Anerkennung und Aufwertung der Care-Arbeit. EBG. Bern. Zugriff am 13. April 2021.

Flaiz, B. (2018). Die professionelle Identität von Pflegefachpersonen. Mabuse. Frankfurt am Main.

Foth, T., Lange, J. & Smith, K. (2018). Nursing history as philosophy-towards a critical history of nursing. Nursing Philosophy. 3(5). 1-11. Abstract

Gulino, L. & Hässig, L. (2020). Das Care-Manifest - für eine andere Wirtschaftspolitik. Widerspruch74.

Leichsenring, K. & Staflinger, H. (2017). Das Buurtzorg-Modell: Ein neues Paradigma für die Organisation von Arbeit. Zugriff am 10. Mai 2021.

Leininger, M. M. (1988). Leininger`s Theory of Nursing. Cultural Care Diversity and Universality. Nursing Science Quarterly. 152-160. Abstract

Louis, C. (2020). Jetzt ist die Zeit reif. https://www.emma.de/artikel/wulf-mathies-jetzt-ist-die-zeit-reif-337693

Mannino, A. (2021). Wen rette ich – und wenn ja, wie viele? Reclam. Stuttgart.

Stuart, N. (2019). Research paradigms and the politics of nursing knowledge: A reflective discussion. Nursing Philosophy. Abstract

Swiss DRG. (2015). Fallpauschale in Schweizer Spitälern. Zugriff am 13. Mai 2021.

United Nations Development Programme (UNDP). Human Development Report 1999. New York, Oxford 1999.

Wernicke, J. (2015). Der neoliberale Angriff auf das Gesundheitssystem. https://www.nachdenkseiten.de/?p=28081

 

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  • Wieso muss Gesundheit gewinnbringend sein? 
  • Wäre eine Gesellschaft ohne Care-Arbeit denkbar?
  • Wäre eine solidarische Mitwirkung von Betroffenen sowie Akteurinnen und Akteuren wie im «Buurtzoorg»-Modell eine nachhaltige Möglichkeit?

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