
Freitagabend auf einer chirurgischen Intensivstation: Monitore piepen, Alarme schrillen, Gespräche hallen durch den Raum. Während das Team um Stabilität ringt, müssen Angehörige inmitten von Hektik, Technik und begrenzter Privatsphäre Abschied nehmen – ein Moment, der oft weit über den Tod hinaus Spuren hinterlässt.
Die Geräuschkulisse bei Vollbelegung gleicht einem summenden Hornissennest, das gerade mit Hilfe des Wasserschlauchs aus der Hecke vertrieben wird. Inmitten dieses Durcheinanders entstehen manchmal stille Inseln, wo Angehörige sich ungewollt auf fremdes Terrain begeben. Sie sitzen am Bett ihres geliebten Menschen, zwischen dem schwirrenden Lärm der Station und der schwierigen Aufgabe loszulassen und sich zu verabschieden.
Sterbebegleitung auf der Intensivstation
Sterbebegleitung auf einer ausgelasteten Intensivstation zu leisten, wo Kojen bloss durch Vorhänge voneinander getrennt sind und Privatsphäre nur bedingt vorhanden ist, grenzt manchmal an Höchstleistung für das Team. Als Pflegende begleiten wir Menschen und ihre Familienmitglieder in ihren letzten Stunden.
Oft kennen wir die Patient:Innen länger, haben gemeinsam gekämpft und gehofft, Beziehungen aufgebaut und einander Vertrauen entgegengebracht. Und nun, «at the End of all things», wie Tolkien 1955 schrieb, stehen wir da und begleiten auf dem letzten Weg.
Wer eine solche Szene vor Augen hat, erkennt, wie herausfordernd die Situation für alle Beteiligten sein kann. Dabei stellt sich die Frage, ob Sterben in Ruhe und Würde auf einer Intensivstation überhaupt möglich ist. Gleichzeitig können unzureichende Unterstützung und Begleitung durch das Behandlungsteam in diesen belastenden Momenten langfristige psychische Folgen für die Hinterbliebenen haben. Umso wichtiger ist es, im interprofessionellen Team frühzeitig geeignete Massnahmen zu ergreifen, die Angehörige in dieser schwierigen Situation unterstützen und dazu beitragen, mögliche Langzeitfolgen zu minimieren.
Dieser Beitrag richtet den Fokus auf das Sterben auf der Intensivstation. Er beleuchtet die emotionale Belastung betroffener Angehöriger und zeigt, wie empathische Kommunikation, interprofessionelles Handeln und achtsame Begleitung helfen können, psychische Langzeitfolgen für Hinterbliebene zu reduzieren.
Psychische Belastungssyndrome von Angehörigen
Der Verlust eines geliebten Menschen führt bei Angehörigen nicht nur zu Trauer, sondern kann gemäss Kentish-Barnes et al. (2022) zu Problemen wie anhaltender Trauerstörung (ATS, prolonged grief), schwerwiegenderen psychischen Belastungen wie Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) oder einem Post-Intensive-Care-Syndrom-Family, kurz PICS-F, mutieren. Werden Bedürfnisse von Familienangehörigen im Sterbeprozess aufgrund betrieblicher Missstände vernachlässigt, steigt das Risiko, an einem PICS-F-Syndrom zu erkranken.
PICS
Post-Intensive-Care Syndrome, Kurzform PICS, betrifft Menschen, die Aufenthalte auf der Intensivstation überlebt haben. Zu den möglichen Folgen von PICS zählen körperliche Beschwerden wie Muskelschwäche sowie kognitive Beeinträchtigungen mit Konzentrationsschwächen. Darüber hinaus können Depressionen und Angstzustände auftreten. Insbesondere psychische Einschränkungen können über einen längeren Zeitraum hinweg andauern. Angehörige und Hinterbliebene können vom PICS ebenfalls betroffen sein. Man spricht dann vom PICS-F, wobei das F für Family steht.
• Video-Link PICS-F der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin
Wo erhalten PICS-F-Betroffene professionelle Unterstützung?
Unispital Basel; Fachsprechstunden für PICS und PICS-F-Betroffene
Verhindert ein «Drei-Stufen Modell» Langzeitfolgen bei Hinterbliebenen?
Diverse Studien zum Thema End-of-Life-Care (EOL-Care) haben sich mit der Thematik des Sterbens auf Intensivstationen auseinandergesetzt. Sie ähneln sich alle. Eines belegen sie jedoch gemeinsam: Angehörige möchten in den Sterbeprozess mit einbezogen werden.
Kentish-Barnes et al. (2022) beschreiben eine «Drei-Stufen-Support-Strategie für Verwandte sterbender Patient:Innen auf der Intensivstation». In diesem Modell wird über drei Teilabschnitte des Sterbeprozesses im interdisziplinären Team mit den Angehörigen kommuniziert. Neben dem aktiven Zuhören ist das Follow-up-Gespräch nach dem Versterben das Kernstück. Es dient dazu, Angehörige aufzufangen und mögliche Probleme wie PICS-F zu erkennen.
Die Studie konnte belegen, dass bei Einsatz dieses Stufenmodells, zumindest präventiv, eine Reduktion der Risiken für PTSD, ATS oder PICS-F beobachtet werden konnte.
Einbezug von Familienangehörigen im EOL-Care-Prozess
Eine Forschungsgruppe aus der Schweiz (Cyrol et al., 2018) hat untersucht, welche pflegerischen Strategien sich zum Einbezug von Familienangehörigen am Lebensende eignen. Hierfür wurden mittels halbstrukturierten Interviews Intensivpflegende zu ihren Strategien und Erfahrungen befragt.
Abbildung 1 aus Cyrol et al., 2018, Modell pflegerischer Strategien zum Einbezug von Familienangehöriger in EOL-Care auf der IPS.
Einen geschützten, persönlichen Raum schaffen
Sterbende Patient:Innen in eine ruhigere Einzelkoje zu verlegen, ist leider aus betriebs- und infrastrukturtechnischen Gründen oft nicht umsetzbar. Folgendes ist jedoch meist unabhängig von der Infrastruktur möglich:
- Klappbetten aus der Bettenzentrale organisieren
- Getränke und Speisen bereitstellen
- Sichtschutzwände einsetzen, um mit etwas Kreativität, einen halbwegs geschützten Bereich mit mehr Ruhe und Privatsphäre für die Patientenkoje zu schaffen.
Ein Halt sein
Dies ist geprägt von Trost spenden und Momenten, in denen sich Pflegende auf Angehörige einlassen. Ähnlich den Studienergebnissen von Kentish-Barnes et al. (2022) wird auch hier mit Hilfe von Empathie und aktivem Zuhören das Gefühl vermittelt, präsent und verbindlich zu sein. Dabei spielt der Gebrauch der Laiensprache eine grosse Rolle, da sie technische Abläufe sowie den Sterbeprozess verständlicher und fassbarer macht (Cyrol et al., 2018 und Kentish-Barnes et al., 2022).
- Proaktives Nachfragen durch die Pflegenden im Anschluss an ärztliche Gespräche schafft Klarheit darüber, ob die Angehörigen die Fakten und Zusammenhänge der Situation verstanden haben. Nachfragen schafft Vertrauen und Verständnis im Prozess.
- Nachfragen schafft Vertrauen und Verständnis im Prozess
Mit etwas Mut und Fingerspitzengefühl kann man einfach mal nachfragen, zum Beispiel, wie sich die Eheleute kennengelernt haben oder was ihre schönste Reise oder ihr schönstes gemeinsames Erlebnis war. Der Versuch, hier eine Brücke zu schlagen, drückt Interesse am Sterbenden aus und stärkt das Vertrauen der Familienangehörigen im Prozess.
Raum für Abschied schaffen
Wenn Familienangehörige die Körpersprache und Mimik des Sterbenden interpretieren und plausibel machen, dass Sterben nicht schmerzvoll sein muss, schafft das Sicherheit. Auch, dass Sterbende berührt werden dürfen und mit ihnen gesprochen werden kann, ermutigt Angehörige, Nähe und Kontakt zu ihren Liebsten aufzunehmen.
Kulturabhängige Sterbebegleitung
Es scheint, als hätten gewisse Kulturen, darunter auch die Schweiz, das Begleiten sterbender Angehöriger in der Moderne grösstenteils verlernt oder aufgegeben.
Ein kurzer Blick auf unsere Antipoden
Das Volk der Māori, dem der Balanceakt zwischen der «westlichen Welt» und der Bewahrung seiner Traditionen gut gelingt, zelebriert die Formen des «Haltgebens» und des «Sichverabschiedens» regelrecht. Wenn jemand Nahestehendes im Sterben liegt, versammeln sich Familienangehörige zur Tangihanga, einer mehrstufigen Trauerzeremonie. Selbst am Sterbebett, sogar auf Intensivstationen, werden Geschichten aus dem Leben der Sterbenden erzählt und passende Ahnengeschichten ausgewählt, um sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten, zu ehren und zu huldigen. Entferntere Verwandte bringen derweil Speisen und Getränke, damit sich die Hinterbliebenen um nichts kümmern müssen.
Inwiefern die Tradition der Māori dazu beiträgt, dass sie nach Verlusten seltener unter langfristigen psychischen Folgen leiden, lässt sich aufgrund der bislang unzureichenden Studienlage nicht abschliessend beurteilen. Die Tatsache, nicht allein zu trauern und Trost bei anderen zu finden, wirkt jedoch präventiv, wie es scheint. Die qualitativ angelegte Studie von Moeke-Maxwell et al. (2025) aus Auckland zeigte während des strengen Corona-Lockdowns einen deutlichen Anstieg der psychischen Belastung in den Spitälern der Maoribevölkerung, der einem PICS-F-Syndrom ähnelt. Selbst beim Versterben wurde lediglich ein Familienangehörige/r auf die Intensivstation zugelassen.
Die besten Tipps
• Proaktives Nachfragen.
• Speisen und Getränke bereitstellen.
• Sichtwände für Privatsphäre nutzen.
• Durch aktives Zuhören, Mimik und Gestik können Brücken geschlagen werden.
• Ermutigung und Unterstützung, um Berührungen zu ermöglichen.
• Follow-up Gespräche planen, um Angehörige auffangen zu können.
Fazit
Sterben auf einer Intensivstation gilt als hochkomplex und multifaktoriell. Obwohl Intensivstationen kurativ ausgelegt sind, versterben laut Münch et al. (2025) 53,4 % aller invasiv beatmeten Patient:Innen. Ihnen so beizustehen, dass sie in Würde sterben können, stellt das interprofessionelle Team vor eine herausfordernde Aufgabe, bei der es guter Zusammenarbeit bedarf. Das Behandlungsteam sollte sich, angelehnt an das «Drei-Stufen-Modell» (Kentish-Barnes et al., 2022), achtsam auf den Sterbeprozess konzentrieren, um dazu beizutragen, dass alle Beteiligten diese Erfahrung möglichst ohne langfristige psychische Belastungen bewältigen können.
Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob nicht alle Spitäler in der Pflicht wären, feste PICS-F Sprechstunden anzubieten. Das Behandlungsteam könnte den Familienangehörigen beim Verlassen der Station verbindlich einen Termin für die besagte Sprechstunde mitgeben. Bedenkt man die Kosten bei einer PICS-F-Erkrankung, könnte hier ein präventiver Ansatz wesentlich günstiger sein.
*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.
Literaturverzeichnis
Cyrol, K., Fröhlich, M. R., Piatti, F., & Imhof, L. (2018). End-of-Life-Care auf der Intensivstation: Pflegerische Strategien zum Einbezug von Familienangehörigen am Ende eines Lebens. Pflege, 31(3), 135–143. https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/1012-5302/a000615
Kentish-Barnes, N., Chevret, S., Valade, S., Jaber, S., Kerhuel, L., Guisset, O., Martin, M., Mazaud, A., Papazian, L., Argaud, L., Demoule, A., Schnell, D., Lebas, E., Ethuin, F., Hammad, E., Merceron, S., Audibert, J., Blayau, C., Delannoy, P.-Y., Azoulay, E. (2022). A three-step support strategy for relatives of patients dying in the intensive care unit: A cluster randomised trial. The Lancet, 399(10325), 656–664. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)02176-0
Moeke-Maxwell, T., Robinson, J., & Gott, M. (2025). Pōuritanga: Whānau Māori experiences of end-of-life caregiving, death and tangihanga (funeral customs) during New Zealand’s COVID-19 lockdowns. Journal of the Royal Society of New Zealand, 55(2), 287–301. https://doi.org/10.1080/03036758.2024.2345314
Münch, U., Duttge, G., Eggardt, T. J., Gretenkort, P., Kleinschmidt, S., Meier, S., Nauck, F., Neitzke, G., Neukirchen, M., Salomon, F., Schallenburger, M., Seidlein, A.-H., Vonderhagen, S., Weber, C., & Jöbges, S. (2025). Behandlung und Begleitung von Erwachsenen am Lebensende auf der Intensivstation: Zentrale Aspekte zum Lebensende und zum Sterben: Eine Handlungsempfehlung der Sektion Ethik der DIVI und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Die Anaesthesiologie, 74(9), 581–586. https://doi.org/10.1007/s00101-025-01569-8
Diskutieren Sie mit:
- Was sind Ihre Gedanken zu einem obligatorischen Präventivprogramm?
- Welche Erfahrungen haben Sie als Pflegefachkraft oder Familienangehörige/er im Sterbeprozess auf Intensivstationen gemacht?
- Worauf achten Sie beim Begleiten von Sterbenden auf der Intensivstation?

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