
Führung entsteht nicht nur durch Entscheidungen, sondern auch durch Zuhören, Begegnungen und den Mut, Perspektiven zu wechseln: Mirjam Lämmle, CEO der Krebsliga Schweiz, blickt auf ihre Erfahrungen aus dem internationalen Leadership-Programm Sciana zurück, die ihr Führungsverständnis nachhaltig geprägt haben.
Meine Erfahrung im Netzwerk Sciana fiel in eine Phase beruflicher Veränderung. Im Mai 2024 traf sich unsere Kohorte zum ersten Präsenztreffen in Salzburg. Wenige Monate später, im August 2024, wechselte ich von meiner Position als COO und Mitglied der Geschäftsleitung der Krebsliga Schweiz in die Rolle der CEO. Die Lernschritte, die ich seither machen durfte, greifen eng ineinander – beide Erfahrungen haben sich gegenseitig verstärkt.
Wenn ich auf die vergangenen zwei Jahre zurückblicke, lassen sich die folgenden drei Punkte klar benennen, die mein Führungsverhalten nachhaltig geprägt haben.
Zuhören statt reden
Im Kreis der Führungskräfte aus dem Gesundheitswesen fühlte ich mich bei Sciana bisweilen wie eine Auszubildende unter Profis – oder wie eine Studentin in den ersten Wochen ihres Studiums. Ein Raum voller Expertinnen und Experten, Diskussionsrunden, in denen Debatten in rasantem Tempo und mit präziser Fachterminologie geführt wurden, Podiumsgespräche, in denen differenzierte Thesen verhandelt wurden. Und all das in einer Sprache (Englisch), die nicht meine Muttersprache ist.
Da mir die Eloquenz und Schlagfertigkeit fehlten, die mich sonst durch Diskussionen tragen, zögerte ich, mich einzubringen. Stattdessen entdeckte ich eine neue Seite an mir: nicht als Erste zu sprechen. Zuhören. Mitdenken. Abwägen. Und mir wurde klar, dass gerade im Zuhören und in der Zurückhaltung eine eigene Magie liegt.
Mir wurde klar, dass gerade im Zuhören und in der Zurückhaltung eine eigene Magie liegt.
Diese Erkenntnis wurde zu einem Geschenk, das mich durch mein erstes Jahr als CEO der Krebsliga Schweiz begleitet hat.
Verschiedene Perspektiven anhören. Deep listening. Sorgfältig und nicht überhastet die eigene Meinung bilden. Den eigenen Instinkten vertrauen und sie im Diskurs überprüfen.
Mir wurde klar, wie schnell sich auf diese Weise ein Überblick über komplexe Situationen gewinnen lässt. Meine Entscheidungen beruhen seither immer häufiger auf einem soliden Wissensfundament, das in zielführenden Austauschgesprächen Schritt für Schritt – und zuweilen durchaus auf Umwegen – entsteht. Ich stelle Fragen (auch «dumme»!), und ich halte es aus, nicht immer eine Antwort zu haben. Ich stehe dazu, meine Meinung auch zu revidieren. Und ich habe die grossartige Erfahrung gemacht, dass sich manche Probleme von selbst lösen, wenn man nicht sofort handelt, sondern zunächst beobachtet.
Ich habe auch gelernt, dass die Beiträge der Lautesten und Schnellsten nicht unbedingt die grösste inhaltliche Substanz haben. Gerade in heterogenen Teams hilft mir diese Erkenntnis jeden Tag, präzisere Fragen zu stellen, bewusster zuzuhören – und so wirksamer zu sein.
Begegnung ist der Kern von Führung
Sciana ist ein kleines Labor der Begegnungen. Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen und beruflichen Hintergründen kommen zusammen, um drängende Fragen im Gesundheitswesen zu bearbeiten. Ich habe früh erkannt, dass jede einzelne Begegnung eine neue Perspektive eröffnet. Bereichernd waren nicht nur jene Momente, in denen andere meinen Blickwinkel erweitert haben, sondern auch diejenigen, in denen ich mit meiner eigenen Erfahrung Impulse geben konnte.
Echte Begegnungen schaffen Raum für Lösungen, auf die niemand allein gekommen wäre. Nur im Zusammenspiel vielfältiger Perspektiven entstehen Wege, die ungewohnt, überraschend und neu sind.
Echte Begegnungen schaffen Raum für Lösungen, auf die niemand allein gekommen wäre.
Für meine tägliche Führungsarbeit – sowohl im Umgang mit Teams als auch bei übergeordneten Fragen von System-Leadership – hat sich ein Leitprinzip herauskristallisiert: Begegnungen mit Menschen, die ein Thema anders einordnen oder es aus einem anderen Blickwinkel kennen, sind Brücken, die Lösungen erst möglich machen.
Dieser Perspektivwechsel ist zentral für meine Arbeit bei der Krebsliga. Um die Krebsversorgung positiv zu gestalten, müssen wir die Seiten wechseln. Deshalb suche ich gezielt Begegnungen: mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen, Fachpersonen, Mitarbeitenden, politischen Entscheidungsträger:innen, Akteur:innen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, Spenderinnen und Spendern sowie Mitbürgerinnen und Mitbürgern – und sogar mit Wettbewerbern im Markt. Jede dieser Begegnungen ist eine Lernerfahrung.
Verantwortung ermöglichen – ein Grundprinzip von System-Leadership
Bei Sciana habe ich eine beeindruckende Anzahl von Menschen kennengelernt, die nicht nur über Probleme sprechen, sondern sie konkret angehen: Menschen, die Lösungen entwickeln, Hindernisse mit Geduld und Entschlossenheit überwinden, aufstehen, ihre Stimme erheben und sich Gehör verschaffen. Es gab unvergessliche Momente auf Schloss Leopoldskron in Salzburg, in denen ich dachte: Wir hier zusammen könnten die Welt ein kleines bisschen retten.
Eine wichtige Erkenntnis aus meinem ersten Jahr als CEO war, dass ich auch in meiner eigenen Organisation von Expertinnen und Experten umgeben bin. Oft braucht es nur Ermutigung – und den Instinkt, Räume zu schaffen, in denen Ideen, Wissen und Erfahrung fliessen können.
Führung bedeutet für mich daher oft – und hier schliesst sich der Kreis zum ersten Punkt – zunächst einmal nichts zu sagen. Stattdessen heisst es häufig, denjenigen eine Plattform zu geben, die dem Problem am nächsten sind und über das entsprechende Fachwissen und die Erfahrung verfügen.
Für mich bedeutet System-Leadership, den Wissensaustausch zu fördern, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Brücken zu bauen, anstatt Silos zu zementieren. Es bedeutet, kleine Bewegungen anzustossen, die zu grossen Veränderungen führen.
Als Sozialarbeiterin war mir dieses Prinzip schon immer vertraut. Und doch hat mir das vergangene Jahr eindrücklich gezeigt, wie wirkungsvoll es ist – besonders dann, wenn man nicht nur selbst Verantwortung übernimmt, sondern auch andere dazu befähigt, dies zu tun.
Sciana – The Health Leaders Network
Sciana – The Health Leaders Network ist ein Leadership-Programm von Careum, des Bosch Health Campus und der Health Foundation. Es richtet sich an Führungspersönlichkeiten aus dem Gesundheitswesen und gesundheitsnahen Dienstleistungen, die sich national und länderübergreifend für Qualität, Nachhaltigkeit und eine ganzheitliche Versorgung nahe an Patient:innen und der Gesellschaft einsetzen. Es bringt Expert:innen aus der Schweiz, Deutschland und dem Vereinigten Königreich (UK) zusammen, um Herausforderungen im Gesundheitssystem gemeinsam anzugehen. Jede Institution wählt in der Regel sechs Mitglieder aus der Schweiz, dem Vereinigten Königreich (UK) und Deutschland für eine Kohorte aus. Jede Kohorte identifiziert länderübergreifende Herausforderungen im Gesundheitsbereich, an denen sie gemeinsam arbeiten möchte.
Rückblick und Ausblick
Wenn ich auf die letzten zwei Jahre zurückblicke, sehe ich vor allem eines: Leadership ist weniger eine Handlung als eine Haltung. Zuhören, Begegnungen ermöglichen, Räume öffnen – das sind die Werkzeuge, die mich tragen. Sie erinnern mich jeden Tag daran, dass Veränderung selten durch einen grossen Sprung entsteht, sondern durch viele kleine, mutige Schritte, die Menschen gemeinsam gehen.
Diskutieren Sie mit!
- Welche Erfahrungen haben Ihr eigenes Führungsverständnis nachhaltig geprägt?
- Wann haben Sie erlebt, dass Zuhören wirkungsvoller war als schnelles Handeln?
- Wo entstehen in Ihrem Arbeitsalltag echte Begegnungen, die neue Perspektiven oder Lösungen ermöglichen?


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