Sonja Kahlmeier bei einem Treffen des internationalen Leadership-Programms Sciana

Leadership ohne Hierarchie: Gelassener werden und Raum für Ideen geben

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Führung braucht nicht zwingend eine formale Führungsrolle: Sonja Kahlmeier, Gründerin und Direktorin von City Health, WHO-Beraterin und Dozentin für Gesundheitsförderung, blickt auf ihre Erfahrungen im internationalen Leadership-Programm Sciana zurück, das von Careum mitinitiiert wurde. Im Austausch mit Führungspersönlichkeiten aus Deutschland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich hat sie gelernt, gelassener zu werden, dem Prozess mehr zu vertrauen und anderen bewusst Raum für ihre Ideen und Arbeitsweisen zu geben.

Meine Zeit im internationalen Gesundheitsnetzwerk Sciana war sowohl beruflich als auch persönlich eine einzigartige Erfahrung. Zunächst einmal sind die Sciana-Mitglieder eine aussergewöhnliche Gruppe hervorragend ausgewählter Personen, die sich mit ihren Erfahrungen und Fachkenntnissen ergänzen und dennoch in Bezug auf Geisteshaltung und Arbeitsmentalität sehr gut zusammenpassen. Selten war ich in einer Gruppe von Menschen, in der ich so nahtlos mit allen zusammenarbeiten und mich austauschen konnte und in jedem Gespräch Neues lernte.

Lernen in einer aussergewöhnlichen Gemeinschaft

Die Atmosphäre ist geprägt von höchstem Vertrauen und Unterstützung, grosser Neugier und dem Willen zu lernen, herausgefordert zu werden und sich weiterzuentwickeln. Dank des – zugegebenermassen anstrengenden – ersten Treffens vor Ort, das von einer Art «Bombardement» aus Übungen, Selbstreflexion, Rückmeldungen, Konzeptualisierung und sehr hochwertigen Inputs geprägt war, liessen alle ihre Zurückhaltung fallen, und es entstand sehr schnell ein Zusammenhalt, da wir alle mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen hatten: Wir waren sowohl begeistert als auch – in der besten Art und Weise - überfordert.

Mut zur Veränderung zahlt sich aus

Beruflich fiel meine Zeit bei Sciana in eine wichtige Umbruchphase: Ich gab meine Position als Departementsleiterin und Professorin auf und wurde unabhängige Expertin und Beraterin. Ich war schon immer jemand, der Entscheidungen bezüglich meines beruflichen Werdegangs traf, die von Kolleg:innen in meinem Umfeld als ungewöhnlich und entweder mutig oder «eher unklug» angesehen wurden. Für mich fühlten sie sich jedoch immer richtig an, auch wenn sie ein bisschen gewagt waren – im positiven Sinne. Zu erkennen, dass es vielen meiner Kolleg:innen bei Sciana genauso ging, war sowohl beruhigend als auch befriedigend.

Zu viele Menschen bleiben in Jobs und Positionen, die sie unglücklich machen und in denen sie ihre Fähigkeiten nicht optimal entfalten können. Es erfordert Mut, solche Situationen zu ändern, besonders wenn sie mit Prestige und einem hohen Gehalt einhergehen. Aber für mich war es immer wichtiger, im Sinne von «carpe diem» die Zeit bestmöglich zu nutzen, einen Sinn in meiner Arbeit zu sehen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen ich das gerne tue – nicht immer, aber sicherlich meistens –, als ein hohes Gehalt zu beziehen. Mir wurde auch klar, dass Prestige viele Formen annehmen kann. Zwar ist es jetzt viel schwieriger, die Frage «Und, was machst du so?» zu beantworten, doch erst jetzt habe ich das Privileg erkannt, dass mich Menschen immer noch wegen Kooperationen kontaktieren – nicht wegen des Titels und der Zugehörigkeit zu einer Institution, sondern wegen meiner Fachkompetenz und Erfahrung. Das allein hat diese Entscheidung lohnend gemacht.

Leadership kann viele Formen annehmen.

Sonja Kahlmeier, Gründerin und Direktorin von City Health und Sciana-Mitglied

Sonja Kahlmeier

Leadership jenseits von Hierarchien

Einer der Sciana-Leitenden stellte mich einmal vor folgende Frage: «Aber dann führst du doch gar nicht mehr, oder?» Inzwischen ist mir jedoch klar geworden, dass Leadership viele verschiedene Formen annehmen kann. Als Selbstständige bin ich häufig in unterschiedlichen Kooperationsgruppen und Netzwerken von Kolleg:innen in ganz Europa und darüber hinaus aktiv, die sich für verschiedene Projekte und Aktivitäten oder zu Fundraising zusammenfinden.

In solchen Situationen kann Führung tatsächlich kniffliger sein als in einer Institution, in der Hierarchien klar definiert sind: Wer trifft die endgültige Entscheidung in einer anspruchsvollen Frage, wer spricht das Offensichtliche aus, wer ist beteiligt und wer nicht? Meine Sciana-Erfahrung hat mich dazu befähigt, in solchen Situationen viel besser zu funktionieren und dabei weniger gestresst zu sein. Sie hat mir geholfen, einen grossen Schritt in Richtung des Ziels zu machen, das ich mir ursprünglich gesetzt hatte: geduldiger und gelassener zu werden.

Sich zurücklehnen und dem Prozess vertrauen

Die Erfahrung bei Sciana hat mich gelehrt, dass es oft eine viel bessere Strategie ist, sich zurückzulehnen und «dem Prozess zu vertrauen» (und meinen daran beteiligten Kolleg:innen), als Druck auszuüben, um Menschen dazu zu bringen, in meinem Tempo voranzukommen – und mich selbst zu stressen, indem ich eine Entscheidung oder ein Ergebnis fordere, wenn dies für die anderen Beteiligten verfrüht oder unangebracht erscheint. Ihre Fähigkeit, konstruktiv-kritische Fragen zu stellen, verbesserte meine Fähigkeit zuzuhören und meine eigene Meinung einer kritischeren Prüfung zu unterziehen.

Ich habe gelernt, dass es oft die bessere Strategie ist, sich zurückzulehnen und dem Prozess zu vertrauen.

Sonja Kahlmeier, Gründerin und Direktorin von City Health und Sciana-Mitglied

Sonja Kahlmeier

Ich habe auch gelernt, meinen Kolleg:innen mehr Raum für ihre Ideen und Arbeitsweisen zu geben. Aber ich habe auch mehr Sicherheit darin gewonnen, Momente zu erkennen, in denen jemand die Führung übernehmen und Entscheidungen treffen oder klar kommunizieren muss, dass es nun Zeit für eine Entscheidung ist, wie es weitergehen soll. Und dafür geschätzt zu werden!

Gemeinsam Wirkung entfalten

Nicht zuletzt werden die Arbeit und die Ergebnisse unserer Sciana-Challenge-Arbeitsgruppe «Prevention Activist» einen direkten Einfluss auf meine zukünftige Arbeit haben. Die Schlussfolgerungen und Erkenntnisse aus den Experteninterviews über Hindernisse und Förderfaktoren für einen Wandel hin zu einem Gesundheitssystem, das Gesundheit und Prävention fördert, anstatt in erster Linie auf die Krankheitslast zu reagieren, werden direkt in meine Arbeit als Vorstandsmitglied von Public Health Schweiz und als Vizepräsidentin der Allianz Bewegung, Sport und Gesundheit einfliessen.

Aus der eigenen Blase herauskommen

Schliesslich hat mir Sciana einen gesunden Anstoss gegeben, mehr «aus meiner eigenen Blase herauszukommen». So habe ich beispielsweise gezielt Input von Sciana-Mitgliedern mit unterschiedlichen Ansichten zu einem Entwurf der Agenda «Bewegungsland Schweiz» eingeholt, um das Dokument zukunftssicher zu machen und Input zu erhalten, der uns auf kritische Fragen bei der Lancierung und Umsetzung besser vorbereitet. Ich werde immer mit grosser Dankbarkeit an meine Zeit als Sciana-Mitglied zurückdenken!

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  • Wie gelingt Führung in Netzwerken, in denen es keine klaren Hierarchien gibt?
  • Welche Rolle spielen Vertrauen und Gelassenheit in Ihrem Führungsverständnis?
  • Wie schaffen Sie Räume, in denen unterschiedliche Ideen und Perspektiven gehört werden?

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