
Zwischen Zeitdruck, parallelen Aufgaben und hoher Verantwortung steht die Pflege vor der Herausforderung, Qualität und Effizienz zugleich zu sichern: Während der Spätdienst die Übergabe vorbereitet und gleichzeitig eine Patientin aus dem Aufwachraum übernimmt, soll diese strukturiert am Patientenbett erfolgen – oft empfunden als zusätzlicher Aufwand. Doch bietet diese Form der Übergabe tatsächlich einen Mehrwert? Genau dieser Frage geht der folgende Beitrag nach und beleuchtet ihren Nutzen für Patient:innen und Pflegepersonal.
Die Schichtübergabe (engl. Bedside-Handover) findet direkt am Patientenbett statt. Dabei besprechen Pflegefachpersonen im Beisein der Patienten:innen den aktuellen Zustand, geplante Massnahmen und das weitere Procedere. Ziel ist, Patienteninformationen weiterzugeben und Verantwortlichkeiten zwischen den Pflegefachpersonen beim Schichtwechsel zu regeln. Dies ist wichtig, um Kontinuität zu gewährleisten und die Qualität der Patientenversorgung zu fördern (Daicampi, Veronese, & Cesaro, 2025).
Häufige Sorgen im Pflegealltag
Im Vergleich zur Übergabe im Stationsbüro wird die Patientenübergabe am Bett häufig mit einer längeren Besprechung in Verbindung gebracht. Zu den Bedenken gehört, dass die Patient:innen zu viel Raum im Gespräch einnehmen könnten, wodurch ihre Privatsphäre verletzt würde (Daicampi, Veronese, & Cesaro, 2025) (Abt, Schneider, Martin, Delmas, & Bucher, 2025).
Was zeigen Studien?
Während die Studie von Daicampi, Veronese & Cesaro zeigt, dass die Übergabe am Patientenbett pro Patient:in minimal länger dauern kann (von 75–180 auf 83–204 Sekunden), berichten Abt, Schneider, Martin, Delmas & Bucher über eine Senkung von Überstunden (ca. 10 Minuten pro Tag). Dies deutet darauf hin, dass eine strukturierte Übergabe am Bett den Schichtverlauf insgesamt effizienter gestalten kann, da im weiteren Verlauf weniger Rückfragen und Unterbrechungen entstehen. Für den Zeitaufwand ist nicht primär die Übergabe am Bett selbst entscheidend, sondern vor allem die organisatorischen Rahmenbedingungen, die für ihre Umsetzung notwendig sind.
Auch die Sorge, dass Patient:innen das Gespräch dominieren könnten, lässt sich unterschiedlich betrachten. Es gibt keine eindeutigen Hinweise darauf, dass sich dadurch die Übergabe verlängert. Vielmehr zeigt sich, dass Patient:innen unterschiedlich stark am Gespräch teilnehmen möchten: Einige hören lieber zu, andere stellen gezielt Fragen oder wollen weitere Informationen. Entscheidend ist eine klare Struktur, damit die Übergabe gut gelingt (Daicampi, Veronese & Cesaro und Abt, Schneider, Martin, Delmas und Bucher).
Datenschutz und Privatsphäre bleiben ein wichtiger Punkt, insbesondere in Mehrbettzimmern. Patient:innen äussern sich zum Thema unterschiedlich. Viele wünschen sich Vertraulichkeit und erwarten, dass Pflegefachpersonen bei sensiblen Themen bewusst vorgehen, zum Beispiel durch angepasste Formulierungen oder indem Besucher:innen für die Übergabe gebeten werden, den Raum kurz zu verlassen (Daicampi, Veronese & Cesaro).
Mehrwerte für den Pflegealltag:
Strukturierter Informationsfluss
Die Übergabe am Patientenbett sorgt für eine strukturiertere und umfassendere Kommunikation, was die Kontinuität der Pflege fördert. Pflegefachpersonen gewinnen bei Schichtbeginn ein gemeinsames, vollständiges und aktuelles Bild der Patientensituation, wodurch Informationsverluste reduziert werden können (Abt, Schneider, Martin, Delmas, & Bucher, 2025).
Bessere Arbeitsorganisation
Statt eines höheren Zeitaufwands zeigen sich effizientere Abläufe; Überstunden gehen zurück. Nach einigen Wochen verkürzt sich die Dauer der Übergaben. Auch Rückfragen und Unterbrechungen während der Schicht nehmen ab (Daicampi, Veronese & Cesaro, 2025).
Klinisches Gesamtbild zu Dienstbeginn und mehr Sicherheit
Die direkte Kontaktaufnahme mit den Patient:innen sowie die Kontrolle der Zugänge, Infusionen und des Umfelds zu Dienstbeginn optimiert die klinische Beurteilung. Durch die direkte Einschätzung der Patient:innen zu Beginn der Schicht können Veränderungen ihres Zustands früher erkannt und pflegerische Prioritäten gesetzt werden. Auch lassen sich mögliche Fehler frühzeitig erkennen; so zum Beispiel, ob eine Infusion korrekt eingestellt ist. Ein weiterer Mehrwert liegt in der besseren Orientierung zu Beginn der Schicht. Pflegefachpersonen berichten über mehr Klarheit, was in komplexen Pflegesituationen entlastend wirkt (Daicampi, Veronese, & Cesaro, 2025).
Sicherheits- und Zufriedenheitsgefühl
Die Patientenübergabe am Bett fördert das Sicherheitsgefühl der Patient:innen. Sie sind zufriedener und haben teils mit weniger Angstgefühlen zu kämpfen. Die Behandlung wird als transparenter empfunden. Patient:innen fühlen sich besser informiert. SIe empfinden es als beruhigend, wenn sie sehen, wer zuständig ist. Auch fühlen sie sich sicherer, wenn die Pflege gut über ihren Zustand informiert ist (Daicampi, Veronese, & Cesaro) (DeCelie, 2020).
Fazit: Mehr Chancen als Risiken
Der Mehrwert der Schichtübergabe am Bett zeigt sich für mich deutlich: Wenn wir Patient:innen direkt sehen, den klinischen Zustand einschätzen, Zugänge und Infusionen kontrollieren und gemeinsame offene Punkte klären, starten wir strukturierter in den Dienst.
Viele Unsicherheiten und Rückfragen entstehen dadurch gar nicht erst. Mögliche Probleme werden frühzeitig erkannt, bevor daraus zusätzlicher Aufwand oder Komplikationen entstehen. Die Schichtübergabe am Bett bringt mehr Vorteile als Nachteile, auch wenn einzelne Übergaben pro Patient:innen minimal länger dauern können. Entscheidend sind eine klare Strukturierung der Übergabe, ein sensibler Umgang mit dem Datenschutz und die situationsgerechte Einbeziehung der Patient:innen. Die Schichtübergabe am Bett wird somit nicht mehr als Aufwand, sondern als Unterstützung für die Patientensicherheit, die Patientenzufriedenheit und die Pflegequalität im Pflegealltag empfunden.
*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.
Quellen
Abt, M., Schneider, P., Martin, L., Delmas, P., & Bucher, C. O. (28. Februar 2025). I- PASS- Structured Bedside Nursing Handovers: A Type- 1 Effectiveness – Implementation Hybrid Pilot Study. Lausanne. In: J Adv Nurs.
Daicampi, C., Veronese, M., & Cesaro, E. (2025). Impact of Bedside Handover on Patient Perceptions and Hospital Organizational Outcomes: A Systematic Review. In: J Nurs Manag.
DeCelie, I. (2020). Patient participation strategies: The nursing bedside handover. Patient experience Journal.
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• Führen Sie auf Ihrer Station die Patientenübergabe am Bett durch?
• Wie erleben Sie die Patientenübergabe am Bett? Hilfreich oder eher als zusätzliche Belastung?
• Was würde Ihnen helfen, die Übergabe am Bett im Alltag besser umzusetzen?

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