
Der Tod eines nahestehenden Menschen verändert vieles – und hinterlässt oft mehr Fragen als Antworten. Besonders wenn ältere Menschen sterben, verlieren Angehörige nicht nur eine geliebte Bezugsperson, sondern häufig auch vertraute Routinen, Rollen und ein Stück ihres bisherigen Alltags. Sie müssen lernen, mit dem Verlust umzugehen und ihr Leben neu zu ordnen. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen – und über Palliative Care zu sprechen?
Ich arbeite seit mehreren Jahren als Pflegefachperson in der Geriatrie. In meinem beruflichen Alltag bin ich immer wieder mit den Themen Sterben, Tod und Palliative Care konfrontiert. Fragen zu diesen Themen werden häufig erst dann gestellt, wenn kaum noch Zeit bleibt. In solchen Situationen ist es oft schwierig, noch rechtzeitig passende Antworten oder Hilfestellungen zu geben. Diese Erfahrungen haben mich dazu veranlasst, mich intensiver mit den Herausforderungen und der Bedeutung von Palliativpflege auseinanderzusetzen, um den betroffenen Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen in dieser schwierigen Phase bestmöglich zur Seite zu stehen. Im Folgenden möchte ich auf einige der häufigsten Fragen eingehen, die mir im Arbeitsalltag immer wieder begegnen. Dabei werde ich sowohl auf praktische Aspekte der Palliativpflege als auch auf die damit verbundenen emotionalen Herausforderungen eingehen.
Definition Palliative Care
Palliative Care zielt darauf ab, die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen zu verbessern, die mit den Herausforderungen einer schweren, lebensbedrohlichen Krankheit konfrontiert sind. Dies wird durch die Linderung von Leiden, das frühzeitige Erkennen und Behandeln von Schmerzen sowie die Bewältigung anderer belastender körperlicher, psychischer, sozialer oder spiritueller Beschwerden erreicht. (Eychmüller, 2019)
Entwicklung von Palliative Care in der Schweiz
Palliative Care existiert in der Schweiz seit Ende der 1980er-Jahre, wobei sich die Entwicklung in den drei Landesteilen unterschiedlich gestaltete. Eine ausgeprägte Hospizbewegung, wie sie in Deutschland und Österreich bekannt ist, gab es in der Schweiz nie. Im Jahr 1988 wurde unter anderem von Charles-Henry Rapin die Schweizerische Gesellschaft für Palliativmedizin, Pflege und Begleitung gegründet. Erst 2010, mit der Einführung der «Nationalen Strategie Palliative Care», wurde diese Bewegung auch von der Politik offiziell anerkannt. Im internationalen Vergleich wird diese Entwicklung als spät angesehen. (Eychmüller, 2019)
Wann ist ein Gespräch über Palliative Care angebracht?
Wenn die Patientin oder der Patient danach fragt oder sich Sorgen um die Zukunft macht, sollte das Thema im Rahmen des Möglichen angesprochen werden. Dies ist jedoch zwingend notwendig, sobald sich Komplikationen zeigen oder sich die Krankheit verschlechtert, etwa nach einer Notfallhospitalisation wegen einer Komplikation einer fortgeschrittenen Erkrankung. Es ist Aufgabe des Arztes, der Ärztin, den ersten Schritt zu tun und das Gespräch zu beginnen, damit die Wünsche der Patientin oder des Patienten im Vordergrund stehen. Das gilt beispielsweise, wenn die neu gestartete Therapie nicht so effektiv ist wie erhofft.
Entscheidungen, die zu spät oder in einer Notlage getroffen werden, entstehen oft durch Personen, die die betroffene Person und ihre Wünsche am wenigsten kennen (Eychmüller, 2019). Welche patientenbezogenen Aspekte sind bei der Entscheidungsfindung zu treffen? Die betroffene Person muss mit ihren Wünschen und Bedürfnissen wahrgenommen werden. Sie sollte ausreichend informiert sein, um die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Es ist wichtig, mit einer Fachperson des Vertrauens, wie einer Hausärztin oder einem Hausarzt, zu sprechen. Das Gespräch sollte sowohl medizinische Aspekte als auch Fragen zur Lebensqualität behandeln. Ein Beispiel hierfür sind die Auswirkungen auf die Lebensumgebung (Eychmüller, 2019).
Vom Leben zum Tod: Der Prozess des Loslassens
Sterben bedeutet für viele Menschen, Abschied zu nehmen und loszulassen. Dies kann sich auf Beziehungen, Besitz, Rollen sowie Wünsche und Zukunftsvorstellungen beziehen. Auch Angehörige und Freunde müssen den Sterbenden und alles, was er für sie bedeutet, loslassen. Abschied nehmen und loslassen sind daher zentrale Themen im Sterbeprozess, sowohl für den Sterbenden selbst als auch für seine Angehörigen. Wir alle haben in unserem Leben schon Situationen erlebt, in denen wir uns von jemandem verabschieden mussten, der uns wichtig war. Je stärker die Verbindung zu dem, was wir loslassen müssen, desto grösser ist der Schmerz über den Verlust. Desto mehr widerstrebt es uns, diesen Abschied zu akzeptieren. (Köther & Seibold, 2016)
Was in der Palliativpflege wichtig ist
Aus meiner langjährigen Berufserfahrung haben sich einige zentrale Empfehlungen herauskristallisiert. Dabei ist eines besonders wichtig: Jeder Mensch ist individuell. Was für die eine Person hilfreich und unterstützend sein kann, muss für eine andere nicht zwangsläufig passend sein. Entscheidend ist deshalb nicht die Intervention an sich, sondern der Mensch, der im Mittelpunkt stehen soll.
Meine Empfehlungen:
Mundpflege: Ist sehr wichtig, wird jedoch nicht immer toleriert und muss in diesem Fall respektiert werden.
Essen und Trinken: Nur so viel, wie der Patient oder die Patientin möchte. Nicht zwingen.
Angehörige: In einer so schweren Zeit dürfen die Angehörigen nicht vergessen werden. Schon ein zweiminütiges Gespräch kann helfen.
Pflege: Bei der Pflege sollte stets erklärt werden, was gemacht wird, Schritt für Schritt. Betroffene müssen nicht jeden Tag von Kopf bis Fuss vollständig gepflegt werden, ausser es ist ihr ausdrücklicher Wunsch.
Stille aushalten: Dasein und Schweigen kann sehr wertvoll sein.
Atemnot: Bereits das Hochlagern des Oberkörpers um ca. 30° bringt Entlastung.
Musik: Vor allem klassische Musik (generationsbedingt) kann beruhigend wirken.
Endphase: In der Endphase sollte Ruhe bewahrt und den Angehörigen ruhig erklärt werden, was gerade passiert.
Fazit
Eine würdevolle Begleitung am Lebensende ist entscheidend – und Palliative Care ist dafür von grosser Bedeutung. Eine frühe Auseinandersetzung damit verbessert die Unterstützung für Patienten und Angehörige. In der Schweiz wurde mit der «Nationalen Strategie Palliative Care» 2010 ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gemacht. Die Umsetzung bleibt jedoch herausfordernd. Der Prozess des Loslassens erfordert medizinische und emotionale Begleitung. Palliative Care ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die Würde und die Wünsche der Betroffenen respektiert.
*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.
Literaturverzeichnis
Benninger, E., Zimmermann, S., & Vontobel, R. G. Palliative.ch. https://www.palliative.ch/de/was-ist-palliative-care/palliative-care-schweiz
Eychmüller, S. (2019). Grundlagen. In S. Eychmüller, Palliativmedizin Essentials - Das 1x1 der Palliaitv Care (S. 11). Bern: hogrefe.
Köther, I., & Seibold, H. (2016). 32 Begleiten und Pflegen schwerkranker und sterbender Menschen. In I. Köther, Altenpflege (S. 798). Stuttgart: Thieme.
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- Was bedeutet für Sie Palliativ-Care?
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