alter Mann mit Maske

Isolation bei Demenz: Schutz oder Belastung?

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Wenn Schutz zur Belastung wird: Für Menschen mit Demenz bedeuten Isolationsmassnahmen auf geriatrischen Stationen oft Angst, Verwirrung und innere Unruhe – obwohl sie eigentlich vor Infektionen wie Corona oder Influenza schützen sollen. Pflegende stehen dabei im Spannungsfeld zwischen Infektionsschutz und Wahrung der Würde der Patient:innen.

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die das Gedächtnis, die Orientierung, das Denken und die Alltagsfähigkeiten einschränkt (WHO, 2019). Mit fortschreitendem Verlauf treten häufig für die Umwelt herausfordernde Verhaltensweisen auf, wie zum Beispiel Weglauftendenzen (wandering). Dieses Verhalten ist weder absichtlich noch widerspenstig, sondern Ausdruck von Angst, Desorientierung, Bewegungsdrang oder dem Bedürfnis nach Sicherheit (Algase et al., 2007).

Hygienische Isolationsmassnahmen schützen vor der Weiterverbreitung von Infektionen und sind sowohl fachlich als auch rechtlich begründet (RKI, 2023). Für die Pflege bedeutet dies, die Balance zwischen Sicherheit und Würde der Patient:innen zu wahren. Studien zeigen jedoch, dass Isolation negative psychische und funktionelle Folgen haben kann. Besonders Menschen mit kognitiven Einschränkungen reagieren oft mit Angst, sozialem Rückzug, Unruhe oder gesteigertem Delirrisiko (Abad et al., 2010). Im Pflegealltag zeigt sich oft, dass Patient:innen unruhig werden im Zimmer, immer wieder versuchen, hinauszugehen, oder nach Orientierung und Sicherheit suchen.

Erfahrungen aus dem Pflegealltag

Die Unruhe von Menschen mit Demenz, die isoliert leben, zeigt sich im Pflegealltag häufig durch ständiges Klingeln, wiederholtes Rufen nach Hilfe oder vermehrtes Aufstehen vom Bett oder Stuhl. Manche Patient:innen klingeln in kurzen Abständen, obwohl kurz zuvor jemand im Zimmer war. Dahinter steht oft kein konkretes Bedürfnis, sondern der Wunsch nach Nähe, Orientierung und Sicherheit. Jede Abwesenheit wird erneut als Verlassenwerden erlebt.

Schutzkleidung kann bei Menschen mit Demenz Angst und Misstrauen auslösen. Masken, Schutzbrillen und Kittel erschweren es, Gesichter und vertraute Bezugspersonen zu erkennen. Patient:innen reagieren häufig mit Ablehnung, indem sie Masken abnehmen, pflegerische Massnahmen verweigern oder sich verbal abwehrend verhalten. Dieses Verhalten ist dabei nicht als Widerstand zu verstehen, sondern als Ausdruck von Überforderung, Angst und fehlender Einordnung der Situation.

Es zeigt sich zudem, dass Weglauftendenzen bei Menschen mit Demenz einen erheblichen personellen und organisatorischen Mehraufwand verursachen. Geriatrische Stationen sind häufig nicht als geschlossene oder geschützte Bereiche konzipiert. Pflegefachpersonen stehen daher vor der Herausforderung, dem Weglaufen von Patientinnen und Patienten präventiv zu begegnen, ohne unverhältnismässige freiheitseinschränkende Massnahmen einzusetzen. In der Praxis werden daher häufig sogenannte freiheitseinschränkende Massnahmen (FEM) eingesetzt, etwa Kontakt- oder Sensormatten vor der Zimmertür. Diese dienen in erster Linie dazu, frühzeitig zu erkennen, wenn Patient:innen aufstehen oder ihr Zimmer verlassen. Sie ermöglichen ein rechtzeitiges Eingreifen.

Trotz dieser Massnahmen kommt es immer wieder vor, dass Patient:innen mit ausgeprägter Weglauftendenz das Zimmer oder die Station, in einzelnen Fällen sogar das Spitalgelände, verlassen. In solchen Situationen müssen institutionsinterne Abläufe zur Personensuche eingeleitet werden, welche mit einem erheblichen Zeit- und Ressourcenaufwand verbunden sind. Pflegefachpersonen sind häufig über längere Zeit mit Suchaktionen und der Koordination von Sicherheitsmassnahmen beschäftigt. Dies erschwert gleichzeitig die Versorgung der übrigen Patient:innen.

Solche Situationen zeigen, dass Weglauftendenzen nicht nur eine einzelne pflegerische Herausforderung darstellen, sondern auch organisatorische und strukturelle Auswirkungen auf den Stationsalltag haben. Sie verdeutlichen den ständigen Balanceakt zwischen Schutzauftrag, Verantwortung für die Sicherheit und dem Wunsch, Autonomie und Würde der Patient:innen so gut wie möglich zu wahren.

Pflegerische Interventionen und Haltung

Eine personenzentrierte Haltung ist zentral im Umgang mit Menschen mit Demenz, die isoliert sind. Kitwood (1997) beschreibt die Wahrung der Personhood als Kern professioneller Demenzpflege. Auch unter Isolationsbedingungen gilt es, die Person in ihrer Individualität wahrzunehmen und Beziehung aktiv zu gestalten.
Konkret heisst das: verständliche, einfache und wiederholte Kommunikation, unterstützt durch visuelle Orientierungshilfen wie Kalender oder Tagespläne sowie durch die Einbindung biografischer Informationen. Bewegungsangebote innerhalb des Zimmers, konstante Bezugspflege und regelmässige Anwesenheit des Pflegeteams stabilisieren Patient:innen zusätzlich.

Bei ausgeprägter Weglauftendenz kann der Einsatz von Sitzwachen bzw. 1:1-Betreuung sinnvoll sein. Eine Pflegeperson begleitet die Patient:innen kontinuierlich, beruhigt sie und reagiert unmittelbar auf Stress oder Unruhe. Gemeinsam werden Fotos angeschaut, kurze Gespräche geführt, zwischendurch wird einfach still dagesessen. Studien zeigen, dass diese individuelle Betreuung herausforderndes Verhalten reduzieren und den Einsatz anderer freiheitseinschränkender Massnahmen minimieren kann (Brooker & Latham, 2016; NICE, 2018). Gleichzeitig ermöglicht die 1:1-Betreuung, Veränderungen im Gesundheitszustand frühzeitig zu erkennen.

Unter Schutzkleidung gewinnt auch die nonverbale Kommunikation an Bedeutung. So reagiert eine Patientin zunächst ängstlich auf Pflegepersonen in Schutzkleidung. Eine Pflegefachperson kündigt sich deshalb jedes Mal ruhig an, nennt ihren Namen und hält Blickkontakt. Mit der Zeit nimmt die Angst sichtbar ab. Ziel ist es, Orientierung und Sicherheit zu fördern, ohne den Infektionsschutz zu gefährden. Pflegende sollen Massnahmen regelmässig reflektieren und deren Verhältnismässigkeit prüfen.

Schlusswort

Die hygienische Isolation von Menschen mit Demenz stellt eine komplexe Herausforderung in der geriatrischen Pflege dar. Weglauftendenzen und Unruhe sind keine Problemverhalten, sondern Ausdruck von Angst, Desorientierung und unerfüllten Bedürfnissen.

Pflegende spielen eine zentrale Rolle, indem sie Infektionsschutz, Beziehungsgestaltung und ethische Reflexion miteinander in Einklang bringen. Eine personenzentrierte Haltung, sorgfältige Beobachtung und fachliche Kompetenz sind entscheidend, um auch unter Bedingungen einer Isolation die Würde und das Wohlbefinden der Patient:innen zu sichern. Die Arbeit erfordert nicht nur individuelles Engagement, sondern auch gutes Teamwork, klare Absprachen und eine kritische Reflexion der eigenen Interventionen. Nur so können Pflegende den Spagat zwischen Sicherheit und Autonomie verantwortungsvoll meistern.

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.

Literaturverzeichnis

Monographien
Brooker, D. & Latham, I. (2016). Person-centred dementia care: Making services better. Jessica Kingsley Publishers.

Kitwood, T. (1997). Dementia reconsidered: The person comes first. Open University Press.

Fachzeitschriften und wissenschaftliche Journals
Abad, C., Fearday, A. & Safdar, N. (2010). Adverse effects of isolation in hospitalised patients: A systematic review. Journal of Hospital Infection, 76(2), 97–102.

Algase, D. L., Moore, D. H., Vandeweerd, C. & Gavin-Dreschnack, D. J. (2007). Mapping the maze of terms and definitions in dementia-related wandering. Aging & Mental Health, 11(6), 686–698.

Online-Beiträge
National Institute for Health and Care Excellence (2018). Dementia: Assessment, management and support for people living with dementia and their carers. https://www.nice.org.uk/guidance/ng97

Webseiten
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. (o. d.). Informationen zum Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz. https://www.dnqp.de/informationen-zum-dnqp/

Robert Koch-Institut. (2023). Infektionsprävention im Gesundheitswesen. https://www.rki.de

World Health Organization. (2019). Risk reduction of cognitive decline and dementia: WHO guidelines. https://www.who.int

Diskutieren Sie mit:

• Wie lassen sich hygienische Isolationsmassnahmen bei Menschen mit Demenz möglichst schonend gestalten, ohne die Infektionsprävention zu gefährden?
• Wo liegen die Grenzen pflegerischer Interventionen, wenn Infektionsschutz und Autonomie in Konflikt geraten?
• Welche Rolle können 1:1-Betreuung oder Sitzwachen spielen? Wie lassen sie sich effektiv in den Stationsalltag integrieren?

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