
Wie kann ein Masterstudium im Versorgungsalltag wirklich Wirkung entfalten? Dr. Saskia Oesch übernimmt neu die Leitung des Masters in Pflegewissenschaft an der Careum Hochschule Gesundheit. Im Interview spricht sie über ihren Start, ihre Prioritäten – und darüber, was sie sich für die Studierenden im Studium wünscht.
Lebenslanges Lernen ist entscheidend – besonders für eine qualitativ hochwertige Pflege und Betreuung von Patient:innen. Ein Master of Science FH in Nursing vermittelt Pflegefachpersonen eine doppelte Qualifikation: wissenschaftliche Kompetenz, kombiniert entweder mit strategisch ausgerichteter Praxisentwicklung oder mit vertiefter klinischer Expertise.
Dr. Saskia Oesch leitet neu den Masterstudiengang Pflegewissenschaft an der Careum Hochschule Gesundheit. Mit viel Engagement, Freude und Begeisterung ist sie in ihre neue Rolle gestartet und bringt sowohl Erfahrung aus der Pflegepraxis als auch aus der Forschung mit. Ein idealer Anlass, um mit ihr über ihre ersten Eindrücke und ihre Visionen für den Studiengang zu sprechen.
Saskia, wie möchtest du die ersten Monate angehen?
Saskia Oesch: «In den ersten Monaten möchte ich vor allem verstehen, zuhören und vernetzen. Mich interessiert, was den Masterstudiengang heute stark macht, welche Erwartungen Studierende und Dozierende haben und wo wir gemeinsam Entwicklungsmöglichkeiten sehen. Mir ist wichtig, zunächst ein gutes Gespür dafür zu bekommen, wie der Studiengang im Alltag gelebt wird, sei es fachlich-inhaltlich sowie organisatorisch. Dabei möchte ich bewusst wahrnehmen, was bereits sehr gut funktioniert, wo besondere Stärken liegen und an welchen Stellen es Potenzial für Weiterentwicklung gibt.
Wichtig ist mir auch, früh in den Austausch zu kommen, Beziehungen aufzubauen und ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich der Studiengang in einem sich verändernden Gesundheits- und Bildungsumfeld weiter profilieren kann. Für mich ist der Einstieg deshalb vor allem eine Phase des genauen Hinschauens und des gezielten Anstossens dort, wo bereits viel Potenzial vorhanden ist.»
In den ersten Monaten möchte ich vor allem verstehen, zuhören und vernetzen.
Wie würdest du deinen beruflichen Weg beschreiben?
Saskia Oesch: «Wenn ich meinen beruflichen Weg in drei Stationen gliedern würde, dann wäre die erste wichtige Station sicher die direkte Pflegepraxis. Diese Erfahrung in der direkten Pflege hat mich fachlich und menschlich sehr geprägt. Ich habe dort gelernt, wie zentral klinische Beobachtung, pflegerische Verantwortung, interprofessionelle Zusammenarbeit und die Orientierung an den Bedürfnissen von Patient:innen und ihren Angehörigen sind. Diese Nähe zur Praxis ist für mich bis heute eine wichtige Grundlage.
Die zweite Station war für mich die Entwicklung zur Pflegeexpertin APN und die akademische Vertiefung. In dieser Phase habe ich gelernt, Pflege auch konzeptionell, evidenzbasiert und mit einem erweiterten professionellen Blick weiterzuentwickeln. Besonders wichtig wurde für mich die Frage, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Praxis verbinden lassen und wie daraus konkrete Verbesserungen entstehen können.
Die dritte Station ist meine Tätigkeit in Forschung und Lehre. Dort habe ich gelernt, komplexe Fragestellungen systematisch zu bearbeiten, mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen zusammenzuarbeiten und Entwicklungen mitzugestalten. Gerade die Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Bildung finde ich besonders spannend, weil dort viel Potenzial für die Zukunft der Pflege liegt.»
Welche Erfahrung hat dich am stärksten geprägt: klinische Arbeit, Projekt-/Prozessführung oder Forschung?
Saskia Oesch: «Ich denke, rückblickend hat mich die klinische Arbeit am stärksten geprägt. Dort habe ich gelernt, was Pflege in ihrer ganzen Komplexität bedeutet – fachlich, menschlich und im interprofessionellen Miteinander. Projekt- und Prozessführung sowie Führungserfahrung haben meinen Horizont später stark erweitert: Ich habe gelernt, Entwicklungen aktiv zu gestalten, Verantwortung in unterschiedlichen Rollen zu übernehmen und Menschen sowie Perspektiven zusammenzubringen. Die Forschung hat diesen Blick zusätzlich vertieft. Aber die klinische Arbeit ist für mich die Basis geblieben, weil sie meinen Blick auf Qualität, Verantwortung und Praxisrelevanz entscheidend geprägt hat.»
Du bringst eigene Erfahrung als Pflegeexpertin APN mit: Wo entfalten APN-Rollen in der Versorgung die grösste Wirkung?
Saskia Oesch: «Am deutlichsten zeigt sich der Mehrwert von APN-Rollen in komplexen Versorgungssituationen. Dort, wo es eine hohe pflegerische Expertise, gute Koordination, Beratung und evidenzbasiertes Handeln braucht, machen APNs einen wichtigen Unterschied. Das betrifft die direkte Arbeit mit Patient:innen und Angehörigen genauso wie die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Weiterentwicklung von Qualität in der Praxis. Gerade diese Verbindung von klinischer Expertise und systemischer Wirkung macht für mich den besonderen Mehrwert aus.»
Was brauchen APNs deiner Ansicht nach am meisten: klinische Tools, organisationalen Rückhalt, Leadership-Skills oder Implementierungskompetenz?
Saskia Oesch: «Mhm, das ist eine anspruchsvolle Frage. Aus meiner Sicht brauchen APNs eigentlich all das: klinische Tools, organisatorischen Rückhalt, Leadership-Skills und Implementierungskompetenz. Entscheidend ist allerdings, in welchem Kontext sie tätig sind und wo der jeweilige Schwerpunkt der Rolle liegt. Je nachdem, ob eine APN stärker klinisch arbeitet, beratend tätig ist, Entwicklungsaufgaben übernimmt oder an Schnittstellen zwischen Praxis, Bildung und Organisation wirkt, können unterschiedliche Kompetenzen besonders wichtig sein.
Gleichzeitig zeigt sich gerade darin die Komplexität und auch die Stärke von APN-Rollen: Sie brauchen eine solide klinische Basis, aber ebenso ein Umfeld, das die Rolle versteht und unterstützt. Und dort, wo APNs Entwicklung mitgestalten, sind Leadership und Implementierungskompetenz zentral, damit gute Ideen auch wirksam in die Praxis kommen. Für mich ist deshalb weniger die Frage, was am wichtigsten ist, sondern wie diese Elemente sinnvoll zusammenspielen und zur jeweiligen Rolle passen.»
Zur Person
Dr. Saskia Oesch ist seit Mai 2026 Studiengangsleiterin an der Careum Hochschule Gesundheit (CHG). Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der CHG. Sie war in Praxis, Forschung und Lehre tätig, u. a. am Universitätsspital Zürich und an der Universität Zürich. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Implementierung familienfokussierter Versorgungsmodelle im Intensivbereich. 2025 schloss sie ihren Ph.D. ab.
Du hast in der Implementierungswissenschaft gearbeitet: Warum scheitern gute Interventionen so oft an der Umsetzung?
Saskia Oesch: «In der Implementierungswissenschaft untersucht man, wie man bewährte Erkenntnisse und Methoden erfolgreich in die Praxis umsetzt. Wir wissen, dass gute Interventionen oft daran scheitern, dass man sich zu stark auf die Intervention selbst konzentriert und zu wenig auf den Kontext, in dem sie wirken soll. In der Praxis entscheidet eben nicht nur die Qualität der Idee, sondern auch, ob Menschen sie mittragen können, ob sie in bestehende Abläufe passt, ob Führung sie unterstützt und ob genügend Ressourcen vorhanden sind. Was aus meiner Sicht hilft, ist, die Umsetzung von Anfang an mitzudenken: mit den Beteiligten, realistisch, kontextsensibel und mit einem klaren Blick dafür, dass nachhaltige Veränderung Begleitung braucht.»
In der Praxis entscheidet eben nicht nur die Qualität der Idee, sondern auch, ob Menschen sie mittragen können, ob sie in bestehende Abläufe passt, ob Führung sie unterstützt und ob genügend Ressourcen vorhanden sind.
Welche Themen gewinnen in der Pflege in den nächsten Jahren besonders an Bedeutung?
Saskia Oesch: «Ich sehe vor allem drei Themen, die in der Pflege an Bedeutung gewinnen: die zunehmende Komplexität von Versorgung, die digitale Transformation und die Weiterentwicklung erweiterter pflegerischer Rollen. Mehr Multimorbidität, mehr Koordinationsbedarf und ein hoher Druck auf die Versorgungssysteme verlangen nach Pflegefachpersonen, die klinisch stark sind, aber auch interprofessionell, evidenzbasiert und systemisch denken können.
Im Studium muss sich das darin spiegeln, dass wir klinische Expertise, wissenschaftliche Genauigkeit, Digital-Health-Kompetenzen, Leadership und Implementierung noch enger zusammendenken. Und genau diesen Weg geht der MScN-Studiengang ja bereits, indem er diese Kompetenzen in den einzelnen Modulen gezielt stärkt und vertieft. Das ist aus meiner Sicht zentral, weil diese Anforderungen in der Praxis immer stärker zusammenspielen.»
Wie werden Erkenntnisse aus MScN-Praxisprojekten in der Praxis wirksam?
Saskia Oesch: «Praxisprojekte werden dann organisationsrelevant, wenn sie an echte Entwicklungsfragen anschliessen und nicht erst am Ende versuchen, einen Praxisbezug herzustellen. Eine wichtige Stärke des MScN-Studiengangs sehe ich darin, dass viele Studierende Fragestellungen und Projekte aus ihrem direkten Praxisumfeld mitbringen, die sie im Studium vertieft bearbeiten möchten. Genau darin liegt grosses Potenzial, weil wissenschaftliches Arbeiten so von Anfang an an reale Herausforderungen und Entwicklungsthemen angebunden ist.
Der MScN-Studiengang kann hier viel bewirken, indem er solche Projekte gemeinsam mit Studierenden und Praxispartner:innen verankert, die wissenschaftliche Qualität sichert und gleichzeitig Studierende befähigt, den Transfer in die Organisation mitzudenken. Entscheidend ist für mich als Studiengangsleiterin, dass Studierende nicht nur gute Arbeiten schreiben, sondern lernen, wie ihre Ergebnisse für Patient:innen, Angehörige, aber auch für ihre Organisation sowie Kolleginnen und Kollegen nutzbar werden.»
Hohe wissenschaftliche Ansprüche, wenig Zeit: Wie gelingt das im berufsbegleitenden Masterstudium?
Saskia Oesch: «Ich sehe das nicht als Entweder-Oder. Hohe wissenschaftliche Ansprüche sind wichtig, aber gerade im berufsbegleitenden Studium braucht es zugleich Klarheit, Struktur und gute Begleitung. Für mich geht es nicht darum, Anforderungen tiefer zu setzen, sondern sie so zu gestalten, dass Studierende anspruchsvoll arbeiten können und dabei gut orientiert sind. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei auch die Begleitung durch Mentorate während des Masterstudiums. Sie helfen, individuelle Entwicklungsprozesse zu unterstützen, Orientierung zu geben und Herausforderungen früh aufzufangen.»
Was wünschst du den Studierenden?
Saskia Oesch: «Ich wünsche Studierenden im MScN vor allem Momente, in denen sie wahrnehmen, dass sich ihr Blick weitet. Also beispielsweise den Moment, in dem sie merken: Ich kann komplexe Fragen wissenschaftlich fundierter einordnen, ich verstehe Zusammenhänge differenzierter und ich kann mein Wissen in unterschiedlichen Rollen wirksam machen. Das kann in der direkten Praxis sein, aber genauso in Bildung, Forschung, Qualitätsentwicklung oder Management.
Ich wünsche ihnen auch die Erfahrung, dass sich mit dem Studium nicht nur ihr Wissen vertieft, sondern auch ihr Denken verändert: dass sie Fragen präziser stellen, Situationen aus verschiedenen Perspektiven betrachten und mit Unsicherheit reflektierter umgehen können. Gerade das ist für mich ein wichtiger Entwicklungsschritt auf Masterstufe.
Schön ist für mich, wenn Studierende spüren, dass sie nicht nur Wissen aufbauen, sondern auch mehr Klarheit über ihre eigene professionelle Rolle gewinnen und wie gross ihr Gestaltungsspielraum eigentlich ist. Wenn sie merken, dass sie mit ihrem pflegerischen Hintergrund in ganz unterschiedlichen Kontexten wirksam sein, Entwicklungen mitprägen und Verantwortung auf neue Weise übernehmen können, dann sind das für mich besonders wertvolle Aha-Momente.»
Ich wünsche Studierenden im MScN, dass sich ihr Blick weitet: dass sie komplexe Themen fundierter verstehen, ihr Denken schärfen und Klarheit über ihre professionelle Rolle gewinnen.
Bleiben wir beim Thema Wünsche: Welche Entwicklungen wünschst du dir für Pflege-Rollenprofile in der Schweiz?
Saskia Oesch: «Ich wünsche mir für die Schweiz in den nächsten fünf bis zehn Jahren vor allem klare, verbindlichere und besser verankerte Pflege-Rollenprofile. Aus meiner Sicht reicht es nicht, Rollen nur fachlich zu beschreiben, sie müssen auch regulatorisch, organisatorisch und finanziell anschlussfähig sein. Gerade mit Blick auf die zunehmende Komplexität der Versorgung braucht es settingspezifische Rollenprofile für Grundversorgung, Langzeitpflege, Spitex und ambulante Versorgung, in denen Pflegefachpersonen entsprechend ihrer Qualifikation und ihres tatsächlichen Kompetenzprofils eingesetzt werden. Für APN-Rollen heisst das konkret: klare Kompetenzprofile, passende Einsatzfelder, gesetzliche Verankerung und Rahmenbedingungen, die ihren erweiterten Beitrag zur Versorgung auch wirklich ermöglichen und abbilden.»
Du bist Mountainbikerin: Was nimmst du aus dem Sport mit, das dir beruflich hilft?
Saskia Oesch: «Am Mountainbiken mag ich, dass es Ausdauer, Konzentration und eine gute Einschätzung von (Risiko-)Situationen braucht. Man kann nicht alles kontrollieren, aber man kann aufmerksam bleiben, gut reagieren und den eigenen Rhythmus finden. Ich bike zudem selten alleine – und gerade dabei ist es wichtig, Rücksicht aufeinander zu nehmen, aufmerksam zu bleiben und sich gut aufeinander abzustimmen. Das hilft mir auch beruflich. Fokussiert zu bleiben, mit Komplexität umzugehen, Herausforderungen Schritt für Schritt anzugehen und Zusammenarbeit bewusst zu gestalten.»
Ein Satz, den du neuen Studierenden gerne am ersten Tag mitgeben möchtest?
Saskia Oesch: «Dieses Studium soll dich stärken und gut auf deine weitere berufliche Zukunft vorbereiten, sei es im fachlichen Denken, im Handeln und in der Klarheit darüber, was du bewirken kannst!»

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