
Angst im Elektrophysiologie-Labor ist für viele Patientinnen und Patienten eine belastende Erfahrung. Insbesondere dann, wenn keine medikamentöse Unterstützung möglich ist. Umso wichtiger sind gezielte pflegerische Massnahmen, die Sicherheit vermitteln und Angst auf nicht-medikamentöse Weise reduzieren können.
Ich arbeite auf der Elektrophysiologie am Universitätsspital Basel. Jährlich werden bei uns über 1500 Eingriffe durchgeführt. Bei rund 24 % der Eingriffe können auf Grund eines möglichen Effektes auf das Reizleitungssystem keine Medikamente zur Angstreduktion eingesetzt werden.
Angst reduzieren ohne Medikamente
Besonders bei älteren Patientinnen und Patienten verzichten wir häufig auf die Gabe von angstlösenden Medikamenten (Midazolam), da in dieser Altersgruppe ein erhöhtes Risiko für paradoxe Reaktionen besteht (Accord Healthcare AG, o. J.).
Sobald Angst nicht mehr pharmakologisch beeinflusst werden kann, gewinnt die pflegerische Begleitung an Bedeutung. Pflegende sind in dieser Situation oft die wichtigste konstante Bezugsperson und können mit gezielten Massnahmen zur Beruhigung beitragen.
Im klinischen Alltag stehen Pflegende jedoch unter hohem Zeitdruck. Die Herausforderung besteht darin, Patientinnen und Patienten effizient auf den Eingriff vorzubereiten, ohne dass sie diesen Druck spüren.
Pflegerische Interventionen wie Beziehungsaufbau, ruhige Kommunikation, verständliche Information oder einfache Entspannungsübungen können wesentlich dazu beitragen, dass weniger Angst entsteht. Diese Massnahmen müssen jedoch auch im stressigen Berufsalltag ihren Platz finden (Doenges et al., 2024).
Wenn Medikamente keine Option sind
Auswirkungen von Angst auf die Behandlungsabläufe
Patientinnen und Patienten, die unter Angst leiden, sind häufig unruhig und reagieren empfindlich auf äussere Reize. Sie wirken abgelenkt, angespannt und teilweise hektisch. Im klinischen Alltag zeigt sich dies in unterschiedlichen Situationen. Bereits beim Umlagern kann es durch Unruhe zu hastigen Bewegungen kommen. Dadurch steigt das Risiko für Stürze oder für das unbeabsichtigte Ziehen eines peripheren Venenverweilkatheters.
Auch während der Vorbereitung des Eingriffs stellt Unruhe eine Herausforderung dar, da das Operationsgebiet steril bleiben muss. Ständige Bewegungen erschweren diesen Prozess und können den Ablauf verzögern. Während des Eingriffs selbst sind ruhige Patientinnen und Patienten besonders wichtig, da sehr präzise gearbeitet werden muss.
Neben bewegungsbedingten Störungen, die zu einer Verlängerung der Eingriffszeit führen können, werden auch schwerwiegendere Auswirkungen beschrieben. Dazu zählen ein häufigeres Auftreten von Komplikationen wie Übelkeit, Erbrechen oder Aspiration (Mavrogiorgou et al., 2023).
Beziehungsaufbau
Die Bedeutung des Beziehungsaufbaus in der Pflege ist seit Langem theoretisch verankert. Peplau (1997) beschreibt, dass eine vertrauensvolle zwischenmenschliche Beziehung wesentlich dazu beitragen kann, Angst zu reduzieren und Sicherheit zu vermitteln.
Die Studie von Burmeister et al. (2023) zeigt, dass eine konstante Bezugsperson, Zeit für Gespräche und eine dadurch aufgebaute Beziehung dabei helfen können, die Angst von Patientinnen und Patienten zu reduzieren. In Phasen von starker Angst sind zusätzliche Massnahmen notwendig.
Angst nehmen
Um Patientinnen und Patienten in Phasen von ausgeprägter Angst zu unterstützen, wurden bereits verschiedene nicht-medikamentöse Massnahmen untersucht. Basierend auf der Scoping Review von de Oliveira Mendes et al. (2024) haben sich folgende Interventionen als wirksam zur Reduktion von Angst und Stress bei Patientinnen und Patienten während endovaskulärer Eingriffen erwiesen:
- Musiktherapie: ruhige, instrumentale Musik über Kopfhörer
- Gezielte Information: mündliche Erklärung des Ablaufs, nicht zu viele Informationen
- Edukatives Video: Visualisierung der Abläufe, sinnvolle Nutzung der Wartezeit
- Massagen und Berührung: z. B. Nacken-, Schulter- oder Handmassage
- Aromatherapie: Anwendung ätherischer Öle wie Lavendel
- Psychologische Vorbereitung: ruhige Anleitung oder geführte Imagination
- Atemtechniken: bewusste Atemlenkung
Alle aufgeführten Massnahmen zeigen einen positiven Effekt auf die Reduktion von Angst. Im klinischen Alltag und während des Eingriffs sind insbesondere Musiktherapie, gezielte Informationsgabe, Berührung, Aromatherapie sowie Atemtechniken realistisch und gut umsetzbar.
Die Einführung edukativer Videos oder eine ausführliche psychologische Vorbereitung ist hingegen mit einem höheren zeitlichen Aufwand verbunden und lässt sich im aktuellen Arbeitsalltag nur begrenzt realisieren.
Fazit
Angst ist ein starkes Gefühl mit Auswirkungen auf die Eingriffszeit und die Sicherheit der Betroffenen. Können Medikamente aus bestimmten Gründen nicht eingesetzt werden, müssen nicht-medikamentöse Interventionen erfolgen.
Der Beziehungsaufbau steht bei jedem Kontakt im Vordergrund und ist der Grundbaustein für Vertrauen und Sicherheit. Reicht dies nicht aus, stehen weitere wirksame Methoden zur Angstreduktion zur Verfügung, die mit geringem Aufwand auch während eines Eingriffs angewendet werden können. Besonders die Musiktherapie erweist sich aufgrund ihrer einfachen Anwendung und des nachgewiesenen positiven Effekts als vielversprechend.
*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.
Literaturverzeichnis
Accord Healthcare AG. (o. J.). Midazolam Accord Inj. Lös. 5 mg/5 ml. Abgerufen am 14. Dezember 2025 von https://compendium.ch/product/1393390-midazolam-accord-injlos-5-mg-5ml/mpro
Burmeister, J., Dominello, M. M., Soulliere, R., Baran, G., Dess, K., Loughery, B., Jang, H.,Kim, S., Jelich, M., Laszewski, P., Zelko, C., & Hamel, L. M. (2023). A direct patient–provider relationship with the medical physicist reduces anxiety in patients receiving radiation therapy. International Journal of Radiation Oncology, Biology, Physics, 115(1), 233–243. https://doi.org/10.1016/j.ijrobp.2022.10.011
de Oliveira Mendes, F. C., Gurgel Dos Santos, K. V., Dos Santos Dantas, J. K., Matias de Araújo, S. C., de Castro Teixeira, F., da Silva Leal, K. C., Vieira Dantas, D., & Assis Neves Dantas, R. (2024). Non-pharmacological strategies to reduce stress and anxiety in endovascular procedures: A scoping review. Nursing Open, 11(3). https://doi.org/10.1002/nop2.2105
Doenges, M. E., Moorhouse, M. F., & Geissler-Murr, A. C. (2024). Pflegediagnosen und Pflegemassnahmen (7., vollständig überarb. und erw. Aufl.). Hogrefe.
Mavrogiorgou, P., Zogas, H., Zogas, G., Juckel, G., & Heuer, J.-F. (2023). Perioperative Ängste und die Angst vor dem Tod. Die Anaesthesiologie, 72, 266–272. https://doi.org/10.1007/s00101-023-01267-3
Peplau, H. E. (1997). Peplau’s theory of interpersonal relations. Nursing Science Quarterly, 10(4), 162–167. https://doi.org/10.1177/089431849701000407
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