Lars Clarfeld bei einem Treffen des internationalen Leadership-Programms Sciana

Ärztemangel in der Schweiz: Warum die Grundversorgung System Leadership braucht

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Im Rahmen des internationalen Leadership-Programms Sciana hat sich Lars Clarfeld, Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, mit einer zentralen Herausforderung des Schweizer Gesundheitswesens auseinandergesetzt: dem zunehmenden Ärztemangel in der Grundversorgung. In seinem Gastbeitrag zeigt er auf, wo Handlungsbedarf besteht und weshalb es für tragfähige Lösungen einen System-Leadership-Ansatz braucht.

In der Schweiz mangelt es bereits heute an Hausärzt:innen. Laut der Workforcestudie 2025 meinen 80% der Hausärzt:innen, dass es bereits jetzt einen Mangel an ärztlichem Personal gibt. Vor 15 Jahren lag dieser Wert weniger als halb so tief. In vielen Kantonen fällt es den Patient:innen zunehmend schwer einen neuen Hausarzt oder eine neue Hausärztin zu finden. Um die ärztliche Versorgung aktuell sicherzustellen ist der Bedarf der Schweiz an ausländischen Fachkräften sehr hoch. Der Anteil ausländischer Ärzt:innen liegt bereits heute bei über 25%.

Bis 2033 droht eine massive Lücke in der Grundversorgung

Eine Studie der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) zeigt nun, dass bis 2033 44% der heutigen Workforce in der Grundversorgung ausscheiden wird, sei es aufgrund einer Pensionierung oder einer Verminderung der Arbeitszeit. Dies sind alarmierende Daten.

Die Ausbildung zum Arzt oder zur Ärztin dauert sechs Jahre und die Spezialisierung in der Allgemeinen Inneren Medizin (AIM), der Fachrichtung der Hausärzt:innen, dauert nochmals fünf Jahre. Es braucht also mindestens elf Jahre Aus- und Weiterbildung, um ausscheidende Versorger:innen in der Grundversorgung zu ersetzen. Wir benötigen also zwingend sofort die Lancierung zusätzlicher Aktivitäten, um auch im Jahr 2035 die ärztliche Grundversorgung sicherstellen zu können.

Mehr Ärztinnen und Ärzte – trotzdem ein Mangel

Was sind die Gründe, dass wir bereits heute einen Mangel in der Grundversorgung haben, obwohl die absolute Anzahl an Ärzt:innen in der Schweiz noch nie so hoch war wie heute. Die Generation der Babyboomer kommt zunehmend ins Rentenalter. Für diese Generation war es noch normal zu 100% zu arbeiten und Wochenstunden von bis zu 80 Stunden pro Woche zu bewältigen. Bei der jüngeren Generation gibt es hingegen einen massiven Trend zur Teilzeitarbeit in der AIM, sowohl bei Männern wie auch bei den Frauen.

Der Frauenanteil liegt heute bei über 50% des Nachwuchses und Frauen neigen zu einem etwas geringeren Pensum als die männlichen Kollegen. Aus diesen Gründen müssen heutzutage 1.4 neue Personen ausgebildet werden, um eine ausscheidende Arbeitskraft zu ersetzen. Der Bedarf an medizinischen Leistungen steigt gleichzeitig aufgrund des medizinischen Fortschritts, der Alterung der Gesellschaft und des Bevölkerungswachstums in der Schweiz kontinuierlich an.

Die Grundversorgung attraktiver gestalten

Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind eine Vielzahl von neuen ärztlichen Fachrichtungen entstanden. Wir sprechen von der Fragmentierung der Medizin. So gibt es heute 45 verschiedene eidgenössische Facharzttitel. Häufig sind die Verdienstmöglichkeiten in den Spezialdisziplinen deutlich besser. In der Konsequenz arbeiten ca. 70% der Ärzteschaft in Spezialfächern und nur ca. 30% in der Grundversorgung. Fachleute meinen, dass das Verhältnis für eine optimale und effiziente Versorgung genau umgekehrt sein sollte.

Um diesen Problemen noch rechtzeitig entgegenzutreten, braucht es nun vor allem System Leadership mit einer guten Strategie. Zwingend muss mehr neuer Nachwuchs ausgebildet werden, der später auch wirklich als Allgemein-Internist:in oder Kinderärzt:in in der Grundversorgung arbeitet. Neben der Schaffung von mehr inländischen Studienplätzen braucht es aber auch zwingend Massnahmen, die ärztliche Arbeit in der Grundversorgung wieder attraktiver zu gestalten. So darf die Vergütung in der Grundversorgung nicht weniger attraktiv sein als in den Spezialdisziplinen.

Die ärztliche Tätigkeit muss sich wieder schwerpunktmässig auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten konzentrieren.

Lars Clarfeld, Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin und Sciana-Mitglied

Lars Clarfeld

Bessere Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie und neue Rollenverteilung

Tarifstrukturen müssen im Sinne der Grundversorgung aufgewertet werden. Sowohl für die Steigerung der Aus- und Weiterbildungsplätze wie auch der Tarifanpassungen braucht es intensives Lobbying in der Politik, um die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Neben finanziellen Anreizen müssen aber auch die anderen Rahmenbedingungen stimmen, damit sich der Nachwuchs für die Allgemeine Innere Medizin entscheidet. So braucht es in den Praxen und Spitälern familientaugliche Arbeitszeitmodelle und die administrative Last muss gesenkt werden.

Die massive Zunahme an administrativen Tätigkeiten führt dazu, dass bis zu 50% der Assistenzärzt:innen in Weiterbildung darüber nachdenken ihre ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben und eine andere Karriere zu verfolgen. Die ärztliche Tätigkeit muss sich wieder schwerpunktmässig auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten konzentrieren. Programme wie die gestartete Aktion des «Papiertigers» können nur der Beginn einer konsequenten Priorisierung der Arbeit an den Patient:innen sein. Hilfreich können hierbei die neuen Möglichkeiten zur Vermeidung administrativer Arbeiten durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) sein. Wenn KI sinnvoll angewendet wird, könnte dies zum Game Changer werden.

Gleichzeitig sollte aber auch mit anderen Personen in der Grundversorgung herausgearbeitet werden, welche Aufgaben und Verantwortungen neu zugeteilt werden sollen. Insbesondere das Berufsbild der Advanced Practice Nurses (APN) gibt Spielraum einer neuen Rollenverteilung zwischen den Professionen.

Begeisterung für die Grundversorgung wecken

Ein entscheidender Faktor liegt aber auch noch darin, Begeisterung beim Nachwuchs für die sehr erfüllende Tätigkeit in der medizinischen Grundversorgung zu entflammen. So gilt es in der öffentlichen Diskussion nicht nur die beschriebenen Probleme in den Vordergrund zu stellen und damit eher eine abschreckende Wirkung beim Nachwuchs zu erreichen, sondern einen der schönsten Berufe der Welt als solchen auch zu propagieren.

Der Nachwuchs sollte möglichst früh im Studium in der Grundversorgung ausgebildet werden und in der Arbeit in Praxen involviert sein. Den aktuellen Führungskräften in den Praxen und Spitalabteilungen der Inneren Medizin kommt somit eine entscheidende Schlüsselrolle zu, um einen massiven Fachkräftemangel in zehn Jahren zu verhindern. Dies auch im eigenen Interesse, um die eigene medizinische Versorgung im Alter sicherzustellen.

Aufgrund der komplexen Gesamtsituation und der Vielzahl der Beteiligten braucht es Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen und ein koordiniertes Vorgehen im Sinn von System Leadership.

Lars Clarfeld, Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin und Sciana-Mitglied

Lars Clarfeld

System Leadership: Gemeinsam Lösungen voranbringen

Aufgrund der komplexen Gesamtsituation und der Vielzahl der Beteiligten braucht es Aktivitäten auf einer Vielzahl von Ebenen und ein koordinatives Vorgehen im Sinn von System Leadership. Unkoordinierte Einzelaktivtäten scheinen hingegen wenig erfolgsversprechend.

Die Herausforderung sind erkannt nun gilt es an den Lösungen zu arbeiten, um das hervorragende Schweizer Gesundheitssystem mit seiner starken Grundversorgung auch in zehn Jahren noch garantieren zu können. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin stellt sich dieser Herausforderung mit Ihren Partnern.

Diskutieren Sie mit!

  • Was müsste sich ändern, damit sich mehr junge Ärztinnen und Ärzte für die Grundversorgung entscheiden?
  • Welche Chancen sehen Sie darin, Aufgaben und Verantwortung zwischen den Berufsgruppen neu zu verteilen?
  • Wie kann es gelingen, dass die Beteiligten über Berufsgruppen und Institutionen hinweg gemeinsam Lösungen für die Grundversorgung voranbringen?

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