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Angst vor der Operation oder der Narkose – was dagegen hilft

24.11.2021

Obwohl die Sicherheit im Operationstrakt an oberster Stelle steht, ist das Gefühl der Angst im 21. Jahrhundert nach wie vor häufig präsent im Zusammenhang mit einer Operation und der Narkose. Die Ängste sind vielfältig und reichen vor dem unabsichtlichen Aufwachen über die Angst, gar nicht mehr aufzuwachen. In diesem Artikel geht es um die Auslöser und was dagegen unternommen werden kann.

 

 

Angst bevor und vor der Operation

Die Angst während der Zeitspanne vom Spitaleintritt bis zur durchgeführten Operation, die sogenannte präoperative Angst, kommt sehr häufig vor. Aust et al. (2018) dokumentierten in einer deutschen Querschnittsstudie Studie, dass 90 Prozent aller Patientinnen und Patienten unter dieser Angst leiden. Die Intensität kann dabei sehr hoch werden, so dass es für die Betroffenen zur Hauptporblematik werden und negative Auswirkungen auf den gesamten Behandlungsprozess nach sich ziehen kann.

In der genannten Studie konnte zudem festgestellt werden, dass die Patientinnen und Patienten generell mehr Angst vor der Operation haben als vor der Anästhesie. Spannend ist allerdings, dass bei einer geplanten Vollnarkose die präoperative Angst häufiger vorkommt, als bei Eingriffen unter Teilnarkosen (Celik & Edipoglu, 2018). Ist nun also die Operation oder die bevorstehende Vollnarkose der Grund der Angst?

 

Stress vor dem Ungewohnten

Auf einem schmalen Operationstisch durch einen Gang mit maskierten Menschen und vielen ungewöhnlichen Gerätschaften gefahren zu werden, ist für die meisten von uns eine Ausnahmesituation. Oft sind die Faktoren wie der Kontrollverlust und die Trennung von Angehörigen Auslöser für Stress und Angstgefühle in dieser präoperativen Phase. Durch Medikamente das Bewusstsein zu verlieren und die Kontrolle komplett abzugeben bleibt für die meisten ein sonderbarer Zustand, der ein hohes Mass an Vertrauen fordert. (Rehm, 2015)

Der durch Angst ausgelöste Stress führt zu einer Aktivierung der Kampf oder Flucht Kaskade, die eine Vielzahl an körperlichen Reaktionen hervorruft. Die meisten davon sind für die Genesung nicht nützlich und hindern sogar den Heilungsprozess. Bailey L. (2010) dokumentiert, dass die präoperative Angst die postoperativen Schmerzen und das Risiko von Infekten erhöht und damit auch die Heilungsphase verlängert. Besser wäre also, dass wir als Patientinnen und Patienten möglichst Angst- und Stressfrei in die Operation gehen könnten.

 

Angst vor dem Wachwerden oder gar nicht mehr zu erwachen

Im Vorfeld einer Vollnarkose tritt oftmals die Befürchtung auf, man könnte unter Umständen gar nicht mehr erwachen. Wird ein Blick in die Statistik geworfen, scheint diese Angst unbegründet zu sein. Die anästhesiebedingte Sterblichkeit ist verschwindend klein und liegt im Normalfall unter 1 zu 200‘000 (Gottschalk, Aken, Van, Zenz & Standl, 2011). Wird diese Zahl auf die Anzahl der operativen Eingriffe in der Schweiz hochgerechnet und mit den Zahlen der Verkehrsunfälle verglichen, fällt auf, dass der Weg vom und zum Spital wesentlich gefährlicher ist, als die Narkose oder die eigentliche Operation. (BFS, 2019).

Und wie sieht es mit der Angst aus, während der Operation plötzlich wach zu werden? Auch dieses Phänomen, ist laut dem deutschem Ärzteblatt (2011) mit 1-2 Fällen pro 1000 Anästhesien sehr klein. Während der Operation wach zu werden, bedeutet aber noch lange nicht, dass dabei Schmerzen empfunden werden. Bei der sogenannten «Awareness» werden insgesamt fünf verschiedene Stadien unterschieden, von denen nur das 1. Stadium als schmerzhaft ausgewiesen wird. Ausserdem ist die Hirnstrommessung mittels des Bispektralen Index während der Operation heutzutage vielerorts Standard. Dieses zusätzliche Monitoring erlaubt es die Narkosetiefe zu messen und die Medikamente zur Bewusstseinsausschaltung exakt und Individuell zu dosieren (Boehm, 2019).

Unter Einbezug dieses Monitoring ist mir während meiner fünf jährigen Berufserfahrung auf der Anästhesie noch nie ein Fall von intraoperativer Wachheit begegnet. Bei Patientenbesuchen im Anschluss an die Narkose berichten vereinzelt Patientinnen und Patienten, dass sie Bilder im Kopf von einzelnen Sequenzen haben, die sie nicht mehr chronologisch zuordnen können. Im Gespräch können diese Sequenzen dann meist in den Kontext kurz vor oder gleich nach dem Erwachen eingeordnet werden. Das Gespräch half dabei den Patienten, Orientierung in die Erinnerungen von den Phasen zwischen Wachheit Narkose zu bringen.

 

Was aber hilft, um bereits angstfrei in die Operation zu gehen?

Auch hier hilft sprechen! Das klärende Gespräch mit dem Anästhesieteam vor der Operation ist ein guter Zeitpunkt, um das Thema der Angst anzusprechen. Gegebenenfalls können Medikamente zum Einsatz kommen, welche die Angst mildern können. Ausserdem ist Musik ein guter Angstlöser. In mehreren Metanalysen konnte gezeigt werden, dass Musik hören die präoperative Angst verringert. Eine gute Gelegenheit, sich für die Wartephase vor der Operation eine Playlist zu erstellen und die Kopfhörer mitzunehmen! Auch Entspannungsübungen wie z.B. das bewusste Durchatmen können in dieser Phase vor der Operation genutzt werden, um sich optimal für die Anästhesie und Operation vorzubereiten. (Umbrello et al., 2019; Mitchel M., 2000)

 

Weiterführende Hinweise:

Weitere Tipps gibt Dr. Reinhard Pichler, ein Coach der über das Thema präoperative Angst in einem Youtube Video spricht:

https://www.youtube.com/watch?v=Ku_GzWEyKv0

 

Literaturtipp: Weiterführende Informationen über das Thema Angst vor der Operation und Patientensicherheit bietet das Buch „Keine Angst vor Operationen“ von Hans Keller. : 

https://www.springer.com/gp/book/9783662587911

 

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